Home
Aktuelles
Biographie
meine Bücher
Leseproben
Ein Froschkönig zum
Ein Gigolo zum Frühs
Seelenchronik
Der Fluch der Kelten
D.l. Krieg der Engel
Fortunate Sun
Im Zwielicht der Er.
Dean & Viviénne
QINDIE
Kontakt/Impressum
Datenschutzerklärung


>>Dean & Viviénne - Der Traum vom Fliegen<<

 

 

Crowborough

East Sussex, Großbritannien

 »Das hier soll Sommer sein.« Dean McCaffrey schnaubte unwillig. Laut Kalender war es August 1940, aber England hatte nichts mit seiner Heimat Kentucky gemein. Es war viel zu kalt und viel zu nass, für Dean kaum zu ertragen. Er war nach Eng­land gekommen, um sich der Royal Air Force an­zuschließen, gegen die deutsche Wehrmacht zu fliegen. Krieg lag in der Luft, dennoch wollte Ame­rika derzeit nicht daran teilnehmen. Wenn nicht mit der US Airforce, so hatte er stattdessen mit der Royal Air Force das große Abenteuer erleben wol­len.

Wie schnell sich jedweder heroische Gedanke verflüchtigte! Hier in Großbritannien war das alles kein Spiel mehr, es war Krieg. Und dort gab es kei­ne Helden, es gab nur Tote und Überlebende. Be­reits in den ersten fünf Wochen seines Einsatzes hatte er mehr Piloten aus den eigenen Reihen ster­ben sehen, als er sich erinnern konnte.

Es war Dean unmöglich gewesen, sich die Un­erbittlichkeit der Luftkämpfe vorzustellen. Für ihn war es stets eine Freude, zu fliegen, sich mit seinen Kameraden zu messen. Im Training war er immer wilder und einsatzfreudiger, aber im Krieg änderte sich alles. Auch hier gewann der Schnellste, aber es gab keinen Zweiten – auf den Verlierer wartete der Tod.

Dennoch stürzte er sich jeden Tag aufs Neue in Luftkämpfe.

Die Briefe seiner Freundin Jennifer aus der Heimat waren wie strahlende Lichtblicke in der Kälte Englands. Wie schwer es ihm gefallen war, sich von ihr zu trennen! Zu seinem eigenen Bedau­ern hatte er sich zur Royal Air Force gemeldet, noch bevor sie einander kennen- und lieben gelernt hatten.

Als Dean einen Brief von ihr auf seinem Bett vorfand, seufzte er. Seine klammen Finger waren kaum in der Lage, den Umschlag vorsichtig zu öff­nen, ehe er das Papier mit ihrer so schnörkellosen Handschrift in den Händen hielt.

›Mein geliebter Dean,

Wie sehr Du mir fehlst. Die Welt hier ist um so vieles ärmer ohne Dich. Wenn die anderen tanzen gehen, möchte ich am liebsten zu Hause sitzen und Dir schreiben. Aber sie lassen mich nicht, ich muss sie begleiten.

Die Wochenschauen sind voll mit Bildern aus England, voller heroischer Reden.

Aber was verstehen wir schon vom Krieg?

Immer, wenn ich die anderen darüber reden höre, denke ich an Dich und vermisse Dich so sehr! Ich hoffe, es geht Dir gut.

Ich darf Dir keine Vorwürfe machen, aber ich darf Dir sagen, dass ich es für eine sehr dumme Idee halte, dass Du dich freiwillig gemeldet hast. Heldentum ist etwas für kleine Jungs und dum­me Menschen.

Aber ich schreibe Dir ja nicht, um mit Dir zu schimpfen. Verzeih mir, ich mache mir nur solche Sorgen um Dich.

Bei uns ist es schön warm, gerade jetzt umspielt mich eine sanfte Brise, während ich auf der Terrasse sitze und Dir schreibe ...‹

Dean schloss die Augen und rief sich ihr Bild herbei. Er konnte sie so deutlich sehen, als könne er sie berühren, spüren, riechen.

 

 

 

 

Die Angriffe der Deutschen verloren nicht an Wucht, ganz im Gegenteil.

Dean und sein Geschwader hatten sich einer weiteren Welle in den Weg gestellt und kamen zer­schlagen zurücauf den Stützpunkt.

Dean hatte in den letzten sechs Wochen mehrere Hakenkreuze für Abschüsse feindlicher Maschinen auf dem Rumpf seiner Spitfire bekommen. Das sollte ihn mit Stolz erfüllen, tat es aber nicht. Es war ein Statussymbol, aber Dean freute sich nicht darüber, denn jedes Kreuz stand auch für einen Piloten, der gestorben war.

»Was hast du denn wieder mit ihr angestellt?« Ian McFarlane war Deans Mechaniker. Es war ihm anzusehen, wie sehr ihn der Anblick des beschä­digten Flugzeuges ärgerte.

»Ich gar nichts.« Dean versuchte ein Grinsen, das allerdings schmal ausfiel. Ihm war nicht nach Lachen zumute, nach dem, was er gerade erlebt hatte. »Beklag dich bei den ›Krauts‹

»Werde ich, wenn sie hier sind.« Ian zerkaute seine Antwort in breitestem Schottisch und bückte sich unter dem Rumpf der Spitfire hindurch. »Was hat sie?«

»Was hat sie nicht?«, gab Dean müde zurück. »Sieh sie dir an, Mann! Die Einschusslöcher geben ein hübsches Muster, hm? Naja, Nachschub dürfte ja unterwegs sein.« Er zwinkerte Ian zu.

»Schon gut.« Der winkte ab und machte sich ohne ein weiteres Wort an die Arbeit.

 

Ein fürchterliches Gefühl der Desorientierung ergriff Dean, als er wie durch Watte das Heulen der Sirenen hörte. Er war aus dem Bett, noch ehe sein Geist auch nur halbwegs aufgewacht war.

»Verfluchter Mist!« Er zog sich wie mechanisch an und rannte mit den anderen Piloten zusammen auf das Rollfeld. Mechaniker wuselten überall her­um, dunkle Ringe unter den Augen, verkniffene Gesichter.

Als er sich seiner Maschine näherte, konnte er Ian sehen. Der sah aus, als habe er die letzten Stun­den verbissen gearbeitet. Müdigkeit zeichnete sich deutlich in dessen Gesicht ab.

»Ich hab` sie zwar provisorisch instand gesetzt, aber ich weiß nicht, ob ...«, setzte Ian an.

Dean ignorierte ihn. Er kletterte gewandt auf die Tragfläche und von dort ins Cockpit, wo er auf den Sitz glitt und die Gurte um seine Hüfte schloss. »Wird sie fliegen?«, fragte er laut über den Lärm der anderen Flugzeugmotoren hinweg.

»Es ist noch einiges ...«, setzte Ian an, aber Dean machte nur eine rotierende Handbewegung, wäh­rend er die Schalter auf ›Go‹ stellte.

»Wird sie fliegen, hab` ich gefragt!«, fauchte er.

»Ja, aber wohl ist mir dabei nicht«, sagte Ian. Er gab dem Propeller einen festen Stoß und der Motor erwachte zum Leben. Kurz stotterte er, dann lief er rund und Dean ließ die Spitfire sofort in Richtung Startbahn rollen.

Ein weiteres Mal hinaus in den Luftkampf. Auf Leben und Tod.

Die Flugzeuge der Royal Air Force formierten sich über dem Flugfeld und erreichten wenig spä­ter den Ärmelkanal. Dichte Wolken machten sie nahezu blind, aber Deans Geschwader wurde ziel­sicher bis auf Sichtweite an den Feind herange­führt. Dean war immer noch fasziniert von der neuen Technik der Engländer, die sie ›Radio Detec­tion and Ranging‹ nannten. Dieses sogenannte Ra­dar war allem überlegen, was die ›Krauts‹ bisher hatten.

Er flog eine Flügelposition in der Formation und ließ die Augen unablässig über die Wolken vor und neben sich gleiten, während er auf das Dröhnen seiner Maschine lauschte.

Der Ruf eines Kameraden erreichte ihn über Funk und Dean drehte den Kopf, um sein gesamtes Blickfeld abzusuchen. »Da vorne sind sie! Elf Uhr!«

Sofort hatten seine Adleraugen die Schemen der Bomber entdeckt. Sie versuchten, sich nach wie vor in den Wolken zu halten, aber wenn man sie erst einmal ausgemacht hatte, konnte man einen nach dem anderen deutlich erkennen.

Es war ein Bombengeschwader, auf dem Weg in eine der Städte, um das britische Volk mitten ins Herz zu treffen.

»Schnappt sie euch! Gruppe eins auf die Bom­ber, zwei und drei holen sich die Jäger!«, bellte der Geschwaderführer.

Dean schwenkte aus der Formation aus. Sein Angriffsziel waren die Messerschmitts aus dem Ge­leitschutz.

Er genoss in seiner Spitfire einen großen Vorteil gegenüber seinem Gegner. Seine Maschine war schneller, wendiger, leichter zu fliegen und stabiler gebaut. Gut, gerade heute fühlte sich sein Flugzeug alles andere als stabil an, aber das ignorierte er ge­flissentlich.

Dean ging in einen rasanten Steigflug, stieß in die Wolkendecke, die ihm für einen Augenblick kom-plett die Sicht nahm.

Unweit von ihm ging das Geratter der Maschi­nengewehre los, als seine Kameraden aus der ers­ten Gruppe den führenden Bomber ins Visier nah­men. Dean grinste grimmig, als das Geschützfeuer immer wieder in seinen Augenwinkeln aufblitzte.

»Zeigt es ihnen«, murmelte er. »Lasst sie nicht durchkommen.«

Aus den Wolken rechts von ihm stieß ein raub­vogelartiger Schatten und sofort waren alle Gedan­ken an die Bomber aus seinem Gehirn gewischt. Die Messerschmitt war schon dicht an ihm dran, er konnte die Streifen der Leuchtspurmunition sehen, die ihn nur knapp verfehlte.

»Komm schon!«, forderte er aggressiv und tauchte mit einer Rolle in die Wolken ab.

Der Deutsche folgte ihm.

Als sie die Wolkendecke nach unten durchbra­chen, hatte Dean eine gute Sicht auf den anderen. Er zwang sein Flugzeug in eine rasante Kehre und drehte den Spieß um – aus dem Gejagten wurde der Jäger.

Er riss den Abzug seiner Bordwaffe durch, wäh­rend er auf den Gegner hinabstieß.

Der versuchte eine Rolle, aber dadurch rissen Deans Kugeln große Löcher in die empfindliche Seitenfront der Maschine.

Rauch stieg auf, sie trudelte gefährlich.

Dean schleuderte seine Maschine in eine gewag­te Wendung, die ihn hart in seinen Sitz presste.

Irgendetwas im Innern seines Flugzeuges riss mit einem peitschenden Geräusch.

Deans Sicht war schlagartig weg. Stinkende schwarze Flüssigkeit spritzte ins Cockpit, überzog alles. Obwohl er reflexartig die Augen schloss, ver­klebte die heiße Nässe seine Augen.

»Verdammte Scheiße!«, brüllte er. »Das ist Öl!«

Er versuchte verzweifelt, die Scheibe vor ihm zu reinigen, verschmierte sie aber noch mehr. Das Öl brannte auf seinen Händen, auf seinem Gesicht. Die Sicht durch die verklebten Wimpern und Lider war schlierig, schemenhaft.

»Ich sehe nichts!«, bellte er ins Funkgerät. »Ver­dammter Mist!«

Die Spitfire begann grotesk zu rütteln, und noch während Dean blind über seine Instrumente taste­te, flammte es auf.

Getroffen! Eine Salve Kugeln durchlöcherte den Rumpf. Eine drang in das Cockpit ein, verfehlte ihn und steckte das heiße Öl in Brand. Dean konnte das leise Zischen kaum über den Lärm des Motors hö­ren, aber sofort biss ihm der Brandgeruch in die Nase, füllte der Qualm seine Lungen. Er hustete qualvoll, presste eine Hand vor das Gesicht.

Die Abdeckung des Cockpits barst, so dass der Rauch abziehen konnte und Dean wieder etwas Sicht bekam. Der Wind schlug ihm brutal ins Ge­sicht, brachte ihm Sauerstoff, aber den Flammen auch. Dean stöhnte vor Hitze und Schmerz.

Er wollte den Feuerlöscher aus der Halterung zerren, als eine neuerliche Salve das Flugzeug traf.

Der Motor setzte aus. Die Spitfire taumelte in einer irren Spirale abwärts.

Wie hoch war er noch? Wie viel Zeit blieb ihm, die Maschine abzufangen?

Er sah nichts, verdammt!

Dean wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, versuchte, seine Sicht zu klären. Er tas­tete nach dem Hebel, der den Propeller entriegelte. Gleichzeitig zog er den Steuerknüppel heran, um die Nase hochzubekommen. Die Maschine musste aus der Spirale heraus.

Es war, als müsse er ihr gesamtes Gewicht mit den Armen auffangen. Zusammen mit dem im­mensen Luftwiderstand, den sie inzwischen bot. Das war nicht zu schaffen.

»Steigen Sie aus, McCaffrey!«, bellte der Ge­schwaderführer im Kopfhörer. »Raus da!«

»Guter Witz«, knurrte Dean. Solange die Ma­schine so trudelte, hatte er keine Chance, auszu­steigen. Er musste sie erst in den Gleitflug bekom­men, dann -

Das Flugzeug schlug so brutal auf dem Wasser auf, dass sofort beide Tragflächen abrissen. Dean wurde alle Luft aus den Lungen gepresst. Er spürte einen brutalen Ruck durch seine Wirbelsäule fahren, hin­auf in seine Schultern. Seine Arme wurden schlag­artig taub. Er biss sich auf die Zunge, schmeckte Blut, vermischt mit dem Qualm. Der Rumpf platzte auseinander, Wasser strömte herein, eisig kalt. Dean schnappte nach Luft, nestelte panisch an sei­nem Gurt. Er sank mit den Resten des Cockpits in der Tiefe.