Home
Aktuelles
Biographie
meine Bücher
Leseproben
Ein Froschkönig zum
Ein Gigolo zum Frühs
Seelenchronik
Der Fluch der Kelten
D.l. Krieg der Engel
Fortunate Sun
Im Zwielicht der Er.
QINDIE
Gästebuch
Kontakt/Impressum
Datenschutzerklärung


Seelenchronik - Trilogie um Corbin Kavanagh

 

Die Leseproben der einzelnen Bände folgen untereinander.

 

 

 "Seelenchronik 1 - Verlorene Seele"

 

1. Kapitel

 „So ein verdammter Mist!“ Famke schlug wütend auf das Lenkrad, obwohl ihr das sicherlich auch nicht weiterhelfen würde.

Nicht genug, dass es wie aus Kübeln goss, nein, ihr verdammter Wagen musste auch noch eine Panne haben, ausgerechnet, wenn sie mitten auf der dunklen Landstraße war.

„Das darf doch alles nicht wahr sein!“, fluchte sie und betrachtete missmutig die Regengüsse, die an ihrer Frontscheibe herunterflossen. Sie überlegte ernsthaft, ob es Sinn hatte, überhaupt auszusteigen und nach dem Motor zu sehen. Denn wenn sie das tat, würde sie bis auf die Knochen nass werden. Andererseits ... Sie konnte auch schlecht hier sitzen bleiben und warten, bis ihr Auto sich von alleine bequemte, wieder anzuspringen.

Sie haderte noch mit ihrem Schicksal, als es an der Scheibe der Fahrertür klopfte. Famke zuckte mit einem halb unterdrückten Kreischen zusammen. Sie konnte durch die beschlagene Scheibe nicht viel erkennen, nur ein Schemen zeichnete sich gegen die Dunkelheit ab.

„Kann ich Ihnen helfen?“, drang eine freundliche Stimme gedämpft zu ihr. „Haben Sie eine Panne?“

„Die verdammte Kiste ist verreckt“, gab Famke laut zurück und kurbelte das Fenster ein Stückchen herunter. Sofort drang kalter Sprühregen zu ihr herein.

„Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken“, entschuldigte sich der Mann, der neben ihrem Wagen aufgetaucht war. Er tropfte vor Nässe, grinste dabei aber fröhlich.

„Schon gut“, wehrte Famke ab. „Ich war nur so in Gedanken.“

„Kann ich Ihnen helfen?“, wiederholte er seine Frage, die Augenbrauen erhoben.

„Wenn Sie etwas von Autos verstehen.“ Famke versucht ein schüchternes Lächeln, obwohl ihr nicht wohl dabei war. Der Herbst war in Norddeutschland weit vorangeschritten, Ende Oktober waren die Abende stockdunkel und unheimlich.

„Ich kann es mir jedenfalls einmal ansehen“, bot ihr der Mann an. „Entriegeln Sie mal bitte die Motorhaube.“

Er musterte stirnrunzelnd den ölverschmierten Motor, rüttelte hier und drückte da, ehe er mit einem Kopfschütteln die Motorhaube wieder in ihre Verriegelung einrasten ließ.

„Keine Chance“, bedauerte er und trat wieder ans Fenster. „Ich denke, die Kiste braucht eine Generalüberholung.“

„So ein verdammter Mist!“ Famke schossen Tränen in die Augen. Sie drehte den Kopf zur Seite, damit der Mann das nicht sehen konnte. „Was mache ich denn jetzt bloß?“

„Was halten Sie davon, wenn ich Sie in die Stadt fahre?“ Ein freundliches Lächeln huschte über sein Gesicht.

Famke verzog unwillig den Mund. „Ich weiß nicht“, setzte sie nachdenklich an, aber der Mann ließ ihr keine Gelegenheit, abzulehnen.

„Kommen Sie, ich beiße schon nicht.“ Er grinste und wies mit einem Kopfnicken auf seinen Geländewagen, der hinter ihrem alten Ford parkte. „Mein Name ist Corbin Kavanagh, ich wohne auf Gut Bonnstedt, bin eins einundneunzig groß und wiege zweiundachtzig Kilo.“

Das brachte Famke zum Lachen. Sie zögerte nur einen Wimpernschlag lang, ehe sie nickte. „In Ordnung“, gab sie nach. „Aber wirklich nur, wenn ich Ihnen keine Umstände mache.“

Der Mann grinste flüchtig. „Eine schöne Frau macht nie Umstände“, gab er zurück. „Haben Sie einen Schirm im Auto?“

Famke griff danach, während Corbin bereits ihre Tür öffnete und ihr eine Hand reichte.

Er nahm ihr den Schirm ab und hielt ihn auf dem Weg zu seinem Wagen über sie, ehe er die Beifahrertür öffnete und ihr beim Einsteigen half. Wohlige Wärme schlug ihr aus der Lüftung entgegen. Sie rieb die Hände aneinander, während Corbin auf den Sitz neben ihr kletterte und die Tür ins Schloss warf.

„Entschuldigung, ich habe mich noch gar nicht vorstellt“, fiel Famke ein. „Mein Name ist Famke Garrels.“

„Welch ein schöner Name.“ Ein flüchtiger Blick, begleitet von einem Lächeln, streifte Famke. „Sie sind nicht aus der Gegend, nicht wahr? Sie klingen wie eine Städterin. Preußin, würde ich mal vermuten.“

„Nein, nicht ganz.“ Famke schüttelte den Kopf. „Ich stamme aus der weiteren Gegend, war aber lange weg, zuletzt in Frankfurt.“

„Weit weg von zu Hause“, kommentierte Corbin wertfrei und Famke nickte leicht, mehr für sich.

„Was man von Ihnen aber auch sagen kann“, griff sie den Faden auf. „Was ist das für ein ungewöhnlicher Name, Corbin Kavanagh?“

Da war sie, die allgegenwärtige Neugier. Ohne die wäre Famke wahrscheinlich nicht so einfach in den Wagen eines Wildfremden gestiegen.

„Ja, das stimmt wohl.“ Der Mann blickte angestrengt nach vorne, um die Regenwand durchblicken zu können. „Das ist ein irischer Name, ich bin von der Grünen Insel.“

„Das hört man aber nicht.“ Famke war erstaunt, denn der Mann sprach wirklich ohne jeden Akzent.

„Ich bin schon eine Weile hier.“ Er schmunzelte und sah kurz zu ihr. „Und Sie wohnen in Norden?“

„Ja, ich arbeite dort bei der Zeitung“, erzählte Famke offen.

Corbin blickte sie kurz an, ehe er wieder auf die Straße sah. „Journalistin, ja?“ Auf einmal klang er reserviert. Aber das war nichts Neues. Es gab zwei Reaktionen auf ihren Beruf: Die einen reagierten reserviert, die anderen setzten sich in Szene. Corbin war offenbar einer der weniger Extrovertierten.

„Ich bin im Augenblick meistens für die Recherchen meiner Kollegen zuständig“, gab sie dennoch zur Antwort, denn sie wollte nicht, dass es allzu ruhig im Auto wurde.

Corbin setzte unvermittelt den Blinker. „Es tut mir leid, ich müsste kurz noch bei mir zu Hause vorbei“, sagte er, als Famke ihn erschrocken ansah. Er lächelte dabei nett, aber das machte ihr Unbehagen kaum kleiner. „Es ist nur ein kleiner Umweg, wenn Sie gestatten?“

„Oh, natürlich.“ Famke lächelte verkniffen, es war für sie nicht wirklich in Ordnung. Sie wäre lieber direkt in die Sicherheit der Kleinstadt gekommen, wo sie auf Hilfe hoffen konnte, sollte sie welche brauchen. Hier draußen war niemand, nur wabernde Nebelschwaden ...

„Hier wohnen Sie?“ Famke musterte den Gutshof verblüfft, als Corbin den Wagen stoppte. Vor ihnen ragte die massige Fassade als dunkler Klotz in den Nachthimmel.

„Ja, das ist mein Reich.“ Corbin drehte sich im Sitz zu ihr. „Es dauert nur einen Augenblick.“

Er stieg aus und ließ sie alleine im Wagen, um durch den Regen zur großen Eingangstür zu rennen. Er verschwand im Inneren und Famke verfiel in Grübeleien.

Nur wenige Minuten später rutschte er wieder auf den Fahrersitz. „Dann wollen wir mal.“ Ohne ein weiteres Wort ließ er den Wagen die lange Zufahrt wieder hinunter zur Landstraße rollen.

Wenig später erreichten sie die Stadt und Corbin schlug ohne zu fragen den Weg in die Innenstadt ein. Sie fuhren schweigend durch die mäßig belebten Straßen, bis er schließlich vor dem Redaktionsgebäude stoppte.

Famke runzelte die Stirn: Hatte sie ihm vorhin gesagt, wohin sie wollte? Nun ja, das war so oder so nicht schwer zu erraten gewesen, schätze sie.

Corbin stieg aus dem Wagen, umrundete ihn und hielt ihr die Tür auf, während er schon wieder ihren Regenschirm für sie aufspannte.

„Vielen Dank für Ihre Hilfe“, bedankte sich Famke mit einem ehrlichen Lächeln. Sie fühlte sich gleich viel wohler, zurück in der Zivilisation, unter Menschen.

„Gerne geschehen“, gab Corbin zurück. Er stieg wieder ein und Augenblicke später rollte der Wagen an.

Famke sah ihm nach, bis die Rücklichter im dichten Regen verschwammen, dann ging sie in die Redaktion.

 

2. Kapitel

Der Regen der letzten Nacht hatte sich verzogen, so dass die durch den Sturm fast kahlen Bäume nicht mehr bedrohlich wirkten. Ganz im Gegenteil, mit der schwachen Herbstsonne bildeten sie auf der noch feuchten Straße interessante Muster.

Famke hatte ihren Wagen bereits am gestrigen Abend abschleppen lassen. Sie fuhr einen Leihwagen der Werkstatt und parkte den jetzt, kurz vor fünf Uhr nachmittags, vor Corbins Gutshof. Sie war in der Nähe gewesen und hatte spontan beschlossen, sich noch einmal bei ihm zu bedanken. Außerdem musste sie zugeben, dass es auch Neugier gewesen war, die sie wieder hierher geführt hatte. Der Gutshof hatte einen bekannten Namen in der Region, aber Famke hatte ihn bisher nicht gesehen. Das Wohnhaus war legendär, es sollte eines der imposantesten im weiten Umkreis sein, und der Mann gestern Abend hatte mit Sicherheit ihr Interesse geweckt. Alleine sein außergewöhnlicher Name hatte ihre Fantasie auf Touren gebracht. Sie hatte in der Redaktion ein wenig über das Haus recherchiert, aber noch gezögert, über ihn selbst nachzuforschen. Etwas an ihm war so grundlegend anders als bei anderen Männern gewesen, dass Famke unbewusst den Entschluss gefasst hatte, ihn wiederzusehen. Das war nicht ihre Art, sie ging normalerweise nicht auf Männer zu, aber dieser hier hatte sie fasziniert.

Das große Haus wirkte bei Tage noch imposanter, auch wenn das Licht ihm eine Menge des Mystischen nahm. Aber es wirkte nicht bewohnt, sondern schien Famke seltsam ... unfertig.

Corbins Wagen stand nicht in der Auffahrt, aber sie konnte einen Kiesweg sehen, der hinter das Haus führte. Sie vermutete dort eine Garage oder Ähnliches. Sie betätigte den schweren Türklopfer, der wie eine Drohung die breite Eingangstür bewachte, und wartete.

Das Klopfen klang unangenehm hohl durch das Haus und Famke war sich sicher, dass man es überall hören konnte. Aber es erfolgte keinerlei Reaktion - scheinbar war niemand zu Hause.

„Hallo?“, rief sie dennoch fragend, betätigte den Klopfer ein zweites Mal und drückte dann prüfend die Klinke nach unten. Die gab nach und die schwere Tür schwang mit einem leisen Quietschen nach innen.

„Ups!“ Famke konnte nicht fassen, was hier gerade geschah. Es schien ein Wink des Schicksals zu sein. Was konnte einer unendlich neugierigen jungen Frau wohl Besseres passieren, als eine einladend geöffnete Tür? Natürlich widersprach es jeglicher Erziehung, jeglichem Anstand und auch geltendem Recht. Gabe hätte ihr sicherlich einen bösen Vortrag gehalten, aber ... Der war schließlich nicht hier. „Neugier tötet die Katze“, murmelte sie zögernd, aber schließlich siegte ihre Neugier.

Sie betrat das Haus.

Die Eingangshalle war sehr groß, ein gigantischer offener Kamin nahm einen Großteil einer Wand ein und die Reste des letzten Feuers lagen noch darin - er wurde offenkundig genutzt.

Famke sah sich fasziniert um, sie fühlte sich seltsam in der Zeit zurück versetzt. Alles hier wirkte so alt.

Überall in der Halle waren Kerzen in großen und kleineren Leuchtern verteilt, die meisten halb heruntergebrannt, die Leuchter mit Wachs überzogen. Eine breite, mit Teppich bezogene Treppe führte zu einer Galerie hinauf, von der mehrere Türen abgingen.

„Jemand zu Hause?“ Famke wollte sich absichern, obwohl sie längst wusste, dass Corbin nicht da war. „Mr Kavanagh? Sind Sie da?“

Als keine Antwort erfolgte, schloss sie die Tür hinter sich und betrat endgültig die Eingangshalle. Durch hohe Fenster an zwei Wänden fiel das Licht der einsetzenden Dämmerung herein, Staubteilchen tanzten im goldenen Licht, das bereits weniger wurde. Es würde bald dunkel sein. Famke spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Irgendetwas an diesem Raum - an diesem Haus - machte sie nervös.

Gegenüber des großen Kamins standen ein hochlehniger Stuhl und eine sehr alte, eisenbeschlagene Truhe. Corbin hatte offenbar eine Vorliebe für Truhen, denn es gab alleine in der Halle vier Stück, und auch auf der Galerie konnte sie zwei sehen.

Schweigend und vorsichtig durchquerte sie den Raum bis zu der Tür, hinter der sie die Küche vermutete.

Die Küche hatte ebensolche Dimensionen wie die Halle, und sie wirkte ebenso unbenutzt. Es war zwar alles da, was man in einer Küche erwartete, aber dennoch ... es wirkte alles seltsam leblos.

Mit einem Stirnrunzeln trat Famke an die Hintertür und warf einen Blick nach draußen. Dort war ein weiterer beeindruckender Bau, der früher einmal eine Stallung gewesen sein musste: Die Garage.

Sie ging durch die Küche hindurch, bis zu einer Tür, die sie in die Räume hinter der großen Halle führen würde. Es war kalt im Haus und mit einem Frösteln zog sie die Nase hoch; es roch staubig und alt.

Neugierig, aber immer vorsichtig und mit einem schlechten Gefühl in der Magengegend, inspizierte Famke das Musikzimmer, das sich an die Küche anschloss. Danach folgte das Wohnzimmer.

Unzählige Bücher füllten deckenhohe Regale. Fasziniert blieb Famke im Raum stehen und musterte diesen Schatz. Es waren größtenteils alte Bücher, viele sogar antik. Diese Sammlung musste ein Vermögen wert sein.

Eine große Fensterfront ging auf eine gepflegte Terrasse hinaus und sie konnte sehen, dass es beinahe dunkel geworden war. Sie sah sich nach einem Lichtschalter um, fand aber keinen.

„Seltsam“, murmelte sie leise und ging zurück in die Halle. Hier war es inzwischen vollkommen dunkel geworden. Sie überlegte einen Moment, ob sie nicht besser gehen sollte. Dann siegte die Neugier und sie ging zu einer Tür, die sich unter der Treppe befand. Hier würde es wahrscheinlich in den Keller gehen und irgendetwas zog sie magisch in diese Richtung.

„Oh, ich habe Besuch bekommen. Guten Abend, Frau Garrels!“

Famke zuckte zusammen, als habe sie ein Peitschenschlag getroffen. Wieder war es Corbin gelungen, sie zu Tode zu erschrecken. Diesmal war der Schrecken aber vielmehr ihrem schlechten Gewissen geschuldet.

„Oh mein Gott!“, keuchte sie und lehnte sich mit geschlossenen Augen an die Wand. „Müssen Sie mich immer wieder so erschrecken?“

„Haben Sie mich denn nicht erwartet?“ Ein spöttisches Lächeln spielte um Corbins Mund, dann wurde er übergangslos ernst. „Was führt Sie her, Frau Garrels?“

„Ich wollte mich noch einmal bei Ihnen bedanken“, erklärte sie, froh, dass er sie nicht fragte, wieso sie überhaupt im Haus war. „Ich war gerade in der Gegend und ... Nun ja, Sie waren sehr nett zu mir.“

„Es ist nicht besonders höflich, ohne Einladung ein Haus zu betreten“, wies er sie zurecht und sie konnte Wut in seinen Augen sehen.

„Es ... es tut mir leid“, stotterte Famke beschämt und spürte, wie sie rot wurde. „Ich hatte geklopft, aber ich dachte, Sie hätten mich vielleicht nicht gehört, denn die Tür war nicht verschlossen, und ...“

Corbin unterbrach sie mit einer herrischen Handbewegung. „Vergessen Sie es!“, fuhr er sie an. „Aber Sie müssen mich jetzt entschuldigen, ich bekomme bald Gäste und habe noch einige Vorbereitungen zu treffen.“

Mit der einen Hand griff er nach ihrem Arm, mit der anderen wies er auf die Tür. Die Geste war vollkommen unmissverständlich, dennoch zögerte Famke, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Es war für sie nicht verständlich, weswegen er heute so barsch zu ihr war, wo er doch gestern noch ...

„Es tut mir leid“, entschuldigte sie sich erneut, aber Corbin verstärkte lediglich den Druck an ihrem Arm, bis es schmerzhaft wurde, also gab sie nach und ließ sich von ihm zur Tür bringen.

Dabei blitzte im Spiegel ein letzter Sonnenstrahl auf und Famke sah automatisch hin. Geblendet vom hellen Licht konnte sie ihr Spiegelbild sehen, daneben aber nur ... ein Schattenbild.

Sie blinzelte, um ihre Sicht zu klären, aber da hatten sie bereits die Tür erreicht und Corbin hielt sie ihr auf.

„Auf Wiedersehen, Frau Garrels“, verabschiedete er sie.

„Auf Wiedersehen, Mr Kavanagh“, erwiderte Famke, dann fiel die schwere Tür hinter ihr ins Schloss und sie stand alleine auf den drei Stufen, die zur Einfahrt führten.

„Seltsam“, murmelte sie leise, ehe sie fröstelnd die Jacke enger um sich zog. Mit der Dämmerung waren auch die Schatten zurückgekehrt, und mit ihnen die unheimliche Stimmung, die Famke Angst machte. Sie beeilte sich, ihren Wagen zu erreichen und machte sich auf den Heimweg.

 

„So ein verdammter Mist!“, fluchte Corbin lauthals, während er begann, ein Feuer im Kamin zu entzünden. „Musste sie auch ausgerechnet heute erscheinen.“

Es war ein wichtiger Tag für ihn. So kurz vor Halloween würde heute die letzte Versammlung vor dem Feiertag sein, und er hatte die Ehre, Gastgeber zu spielen.

Er mochte diese Veranstaltungen nicht, aber es gehörte nun einmal zu seinem Leben wie ... wie eben viele andere Dinge auch. Obwohl er sie nicht kannte, hätte er seinen Abend lieber mit Famke verbracht. Oder mit irgendjemand anders! Aber das stand nicht zur Wahl.

Es war ausgeschlossen, dass er sie noch einmal wiedersah. Sie hatte eine ganz besondere Aura des Ungewöhnlichen, die ihn reizte, aber er wusste genau, wohin das in der Regel führte. Nicht umsonst hatte er sie gestern nicht mit hineingebeten.

Mit einem mürrischen Kopfschütteln vertrieb er diese Gedanken und machte sich daran, alles herzurichten. Bald würden die Gäste kommen und er konnte es sich nicht leisten, Fehler zu machen. Er hatte sowieso nicht den besten Ruf in der Gemeinde und das wollte er nicht noch verstärken.

 

Gegen halb zehn erschienen die ersten Gäste und nach und nach füllte sich die Halle des Hauses mit Leben. Corbin hatte die Türen zu dem Musikzimmer und dem Wohnzimmer weit geöffnet, so dass seine Besucher flanieren konnten, während sie sich unterhielten.

Es herrschte fröhliches Treiben und Corbin konnte für einen Moment vergessen, wie diese Party enden würde. Er wollte nicht darüber nachdenken, genauso wenig, wie er an Famke denken wollte. Sie konnte froh sein, dass er sie so ruppig weggeschickt hatte, denn diese Nacht würde noch sehr gefährlich werden.

Jedenfalls für Leute wie Famke.

„Corbin, mein Bester!“ Eine Frau in Corbins Alter kam auf ihn zu, die Arme weit ausgebreitet, das geschminkte Gesicht zu einem breiten Lächeln verzogen. „Ich muss sagen, du überraschst mich immer wieder!“ Ihre Figur war für die heutige Mode vielleicht ein wenig zu üppig, aber das verpackte sie dermaßen sexy, dass es atemberaubend war. Sie hatte pechschwarze Haare, die lang und glatt bis weit auf ihren Rücken hingen. Das einzig störende waren die Augen: Sie schienen im Licht der Kerzen rot zu sein.

Corbin erwiderte das Lächeln und beugte sich vor, um die Frau auf beide Wangen zu küssen. „Das ist mein Job, Darling“, erklärte er betont fröhlich. „Ich muss mir doch Mühe mit euch geben.“

„Das hast du, das hast du sicher. Aber sag, ist alles vorbereitet?“ Gier flackerte in ihren Augen und Corbin zuckte innerlich zusammen, zwang sich aber, fröhlich zu nicken.

„Alles bestens“, gab er zurück. „Wir haben einen exzellenten Tag erwischt, du wirst sehen.“ Er hob geheimnisvoll die Augenbrauen und die Frau kicherte albern.

„Jeder Tag mit dir ist etwas Besonderes“, gurrte sie und streichelte ihm über den Po. „Ich freue mich darauf, wenn du etwas Zeit für mich hast.“

„Du ungeduldiges kleines Biest“, tadelte er sie sanft. „Aber ich fürchte, meine verehrte Marylla, du wirst noch eine Weile auf mich warten müssen.“

Er wies mit einem Kopfnicken auf eine weitere Gruppe Gäste, die gerade in der Tür erschienen war. Mittlerweile waren es an die dreißig Personen und das Haus war von schnatternden Stimmen erfüllt.

„Herzlich willkommen, Vincent“, begrüßte er den Neuankömmling, der inmitten der Gruppe stand. Die anderen machten ihm respektvoll Platz und Vincent musterte Corbin abschätzend, ehe er schließlich lächelte.

„Nun, mein lieber Corbin, ich hoffe, du erweist dich würdig.“ Seine ganze Körperhaltung, seine Art zu sprechen und auch sein Blick zeugten vom Hochmut, der ihn beherrschte. Aber das konnte er sich leisten, immerhin war er seit einer endlosen Zeit Führer der Gemeinde hier in Ostfriesland.

„Es wird sich zeigen“, gab Corbin unterwürfig zurück, die Schultern gebeugt, um kleiner zu erscheinen.

Vincent war trotz seiner relativ geringen Körpergröße eine imposante Erscheinung: Im Gegensatz zu vielen der anderen lehnte er es ab, sich zeitgenössisch zu kleiden, er trug immer noch den eleganten Gehrock eines Lebensabschnittes, der ihm sehr gefallen hatte, perfekt bis hin zum Zylinder, der maßgeschneidert auf seinem Kopf thronte. Seine blonden Haare fielen in sorgsam gelegten Locken auf seine Schultern und ein Monokel gab ihm die nötige Autorität, unterstrichen von einem Spazierstock mit Elfenbeinknauf.

„Wann ist es so weit?“ Vincent brachte es fertig, auf den zwanzig Zentimeter größeren Corbin hinabzusehen.

„Gegen Mitternacht“, antwortete der gehorsam. „Ich hoffe, Ihr werdet zufrieden sein.“ Er wählte bewusst die alte Anrede, denn er kannte Vincents Abneigung gegen alles Moderne, vor allen Dingen, wenn es respektloser war.

Vincent ließ ihn ohne eine weitere Würdigung stehen und Corbin konnte sich wieder Marylla zuwenden.

„Wir haben noch Zeit.“ Sie lächelte ihn an und nahm ihn einfach bei der Hand. Corbin ließ sich das gefallen und folgte ihr die Treppe hinauf. Sie kannte sich in seinem Haus aus, schließlich waren sie oft genug nach solchen Veranstaltungen hier gelandet, um den Abend ausklingen zu lassen.

Er hoffte inständig, dass niemand seiner Gäste seine frühere Besucherin roch.

*.*.*

Als die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bäumen verschwunden waren, stand Corbin langsam auf. Er war unruhig, morgen war der Tag im Jahr, den er am meisten verabscheute: Die Mitglieder seiner Gemeinde versammelten sich, gingen unter Menschen und sorgten dafür, dass der Abend vor Allerheiligen genügend Schrecken erhielt. Er selbst konnte diesem Brauch nichts abgewinnen, ebenso wenig wie er der gesamten Lebensweise etwas abgewinnen konnte.

Aber was sollte er machen? Er hatte es einfach satt, immer wieder und wieder den Ort zu wechseln, hier fühlte er sich wohl, also musste er die Gemeinde so akzeptieren, wie sie war. Bisher war es ihm meistens gelungen, den Schein zu wahren, ohne wirklich an ihren Orgien teilnehmen zu müssen.

Nach einem ausgiebigen Bad zog er sich eine Cordhose und ein dickes Hemd an, ehe er das Haus verließ. Er würde sich um sein Abendessen kümmern müssen, ehe er seine Zeit vor dem Kamin verbringen konnte.

Wie die meisten anderen hasste er diese Jahreszeit, denn es war kalt wie in einem Grab und widerwärtig nass. Regen, Regen und wieder Regen.

Andererseits hatte der Regen ja auch etwas Positives gehabt: Er hatte Famke getroffen. Und gegen seinen Willen ging diese Frau einfach nicht mehr aus seinem Kopf. Er fand sie amüsant, beinahe ein wenig faszinierend. Sie hatte einen Geruch an sich, der ihn ... ja, der ihn die Augen schließen ließ. Zwar war ihr Besuch alles andere als gelegen gewesen, aber unter anderen Umständen hätte er sich sicherlich darüber gefreut.

 

Zwei Stunden später parkte er seinen Wagen wieder in der Auffahrt und ging zurück ins Haus. Er war satt, für den Moment zumindest, das lenkte ihn ein wenig ab. Seine Gedanken schweiften wieder, und er ließ es zu, schließlich hatte er sonst nichts zu tun. Das Leben war langweilig geworden, seit er erkannt hatte, dass er draußen in Gefahr war. Die anderen Mitglieder seiner Gemeinde neigten immer mehr zu Ausschweifungen und er spürte, wie der Unmut auch in der Bevölkerung der Kleinstadt Norden wuchs. Es würde nicht mehr lange dauern und sie würden anfangen, unangenehme Fragen zu stellen.

Er seufzte leise, durchquerte die Eingangshalle und betrat das Musikzimmer. Zielsicher durchquerte er auch diesen Raum, entzündete den Kerzenleuchter auf dem Flügel, der am Fenster stand, und setzte sich auf die Bank davor.

Einen Moment zögerte er noch, dann ließ er die Fingerknöchel knacken und begann, nur für sich alleine Klavier zu spielen.

*.*.*

„Bist du bereit für die schönste Nacht im Jahr?“ Marylla stand in Corbins Schlafzimmer und drehte sich vor ihm, damit er ihr Kostüm bewundern konnte.

Der gönnte ihr allerdings nur einen flüchtigen Blick, ehe er seinen Schoßrock über die lange Weste mit Hemdjabot zog. Ein letzter Blick auf seine Schnallenschuhe, dann nickte er zufrieden.

„In Ordnung“, antwortete er. „Lass uns gehen und die Nacht genießen!“ Mit einem breiten Grinsen entblößte er seine Fangzähne, die im Licht der Kerzen blitzten.

Marylla lachte boshaft. Sie hakte sich bei ihm unter und die beiden verließen Corbins Anwesen, um sich am verabredeten Treffpunkt mit den anderen Mitgliedern der Gemeinde zu treffen.

Der Mond stand voll und rund am klaren Nachthimmel, lediglich ab und zu huschte eine Wolke vorbei. Der Regen hatte sich verzogen - vorerst zumindest - und die Nacht war erstaunlich warm, verglich man sie mit denen der letzten zwei oder drei Wochen.

„Nettes Kostüm.“ Vincent gönnte Corbin ein breites Grinsen, als der in Maryllas Begleitung beim Führer der Gemeinde eintraf.

„Danke“, gab er artig zurück. „Ich hatte es noch im Schrank.“ Vincent erwiderte nichts darauf, sondern gab vielmehr den Befehl zum Aufbruch und die Meute begann, sich über die Straßen von Norden zu ergießen.

 

„Ihr seht hinreißend aus, meine Liebe!“ Gabriel „Gabe“ Jelgers begrüßte seine Schwester und gleichzeitig Kollegin herzlich. Famke strahlte ihn fröhlich an.

Gabe war mit seinen vierunddreißig zehn Jahre älter als sie, gute einsneunzig groß und breitschultrig. Seine dunkelbraunen Haare fielen ihm glatt bis eine Handbreit über den Hemdkragen, was ihn verwegen aussehen ließ. Seine moosgrünen Augen blitzten stets fröhlich und er war das männliche Gegenstück zu Famke, sowohl vom Humor als auch von der Begeisterung, mit der er lachte. Sie waren im Grunde nur Halbgeschwister, hatten verschiedene Väter, aber das tat ihrem festen Band keinen Abbruch.

Famke hatte sich von Viktor Hugo inspirieren lassen und trug ein zerlumptes Kleid, die Haare unter einem Kopftuch versteckt.

„Vielen Dank, Sire.“ Sie knickste unterwürfig. „Ihr seid zu gut zu mir.“

Gabe grinste breit als Antwort und drückte ihr ein Glas Sekt in die Hand. „Komm, ich stell dich Denise vor.“ Er nahm sie am Arm und führte sie durch den überfüllten Raum. Offenbar waren hier alle Einwohner aus Norden versammelt, die zwischen zwanzig und dreißig Jahren alt waren!

Er steuerte eine Frau mitten in einer Gruppe an. „Denise, Famke ist da!“, sagte er, als er ihr eine Hand auf die Schulter legte.

Denise war gute fünfzehn Zentimeter größer als Famke, extrem schlank und in einen aufregenden Fetzen gehüllt, der mehr zeigte, als er verbarg. Ihre langen, braunen Haare hingen sorgsam frisiert über ihre Schultern. Sie verzog hochmütig den knallrot geschminkten Mund, als sie Famke begrüßte.

„Schön, dass du den Weg gefunden hast.“ Dabei es stand keine Freude in ihrem Gesicht, ganz im Gegenteil. Dennoch erwiderte Famke die Begrüßung freundlich und versuchte, mit Denise zu plaudern, aber die verzog sich sofort wieder.

Wenig später war auch Famke in dem fröhlichen Treiben der verschiedensten Kostüme verschwunden und hatte Gabe aus den Augen verloren.

 

„Eine herrliche Nacht für die Untoten!“ Marylla tauchte wie ein Schatten neben Corbin auf, die Fangzähne blutverschmiert. „Sie ist wirklich für uns geschaffen.“

„Genieße sie“, gab er ruhig zurück, obwohl in seinen Augen Abscheu flackerte. Für ihn hatte die Jagd auf Menschen vor langer Zeit den Reiz verloren, aber das durften die anderen nicht wissen.

„Das werde ich, mein Geliebter!“ Ihre Augen funkelten böse, dann verschwand sie wieder in die Nacht.

Die Halloweennacht schritt schnell voran und Corbin konnte das Lachen, die Freude der anderen in seinem Kopf spüren, während er durch die dunklen Straßen der Stadt schlenderte. Er hatte längst kein Vergnügen mehr an diesen Veranstaltungen, und er hatte auch keine Lust, am Ende dieser Nacht mit Marylla in seinem Bett zu landen. Vielmehr zog er die Einsamkeit vor, die ihm schon lange zu einem Freund geworden war.

„Schnell, hier entlang!“ Eine fröhliche Frauenstimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er konnte eine Gruppe Menschen sehen, die kichernd um eine Ecke gerannt kam. Offenbar hatten sie andere erschreckt, denn sie sahen sich immer wieder um, ob sie auch nicht verfolgt wurden. Angeführt wurde die Horde von einem Kürbis, wie Corbin grinsend feststellte.

„Geht meinen Freunden aus dem Weg“, murmelte er, dann ging er weiter in die Richtung, aus der die Menschen gekommen waren.

„Wartet auf m...“ Eine zerlumpte Gestalt kam um die Ecke geschossen.

Corbin konnte sie gerade noch auffangen, ehe sie ihn umrannte. „He, he“, machte er und stellte sie wieder sicher auf die Beine. „Vorsicht, vor allen Dingen in der Nacht der Untoten!“

„Oh, Sie schon wieder!“ Famke hatte sich von ihrem Schreck über den beinahe Zusammenstoß erholt und musterte Corbin aufmerksam. „Sie sehen klasse aus“, kommentierte sie seinen Aufzug. „So, als hätten Sie diese Kleidung schon immer getragen.“

„Nun, mit Ihnen gebe ich mich dann wohl unter meinem Stand ab“, gab Corbin zurück. „Nun, was denken Sie, schöne Frau: Brechen wir ein paar Konventionen und genießen den Mond?“

Corbins elegante Gelassenheit war nur Schau: Er konnte Mitglieder seiner Gemeinde hinter ihnen spüren und wollte nicht, dass Famke weiter in deren Richtung lief.

„Och, ich weiß nicht.“ Famke zog einen mädchenhaften Flunsch. „Vorgestern waren Sie noch so unfreundlich zu mir ...“

„Wenn ich Euch erinnern dürfte“, hob Corbin gespielt eine Augenbraue, „... habe ich Euch schließlich ohne Anmeldung in meinem werten Heim angetroffen.“

Famke schnappte nach Luft und schlug dann unterwürfig die Augen nieder. „Ich erflehe Eure Verzeihung!“, bat sie halb im Spiel, halb Ernst. „Es steht Euch frei, über mich zu verfügen.“

„Es sei Euch vergeben.“ Corbin deutete eine Verbeugung an. „Aber kommen Sie, ich möchte hier weg.“ Er legte ihr einen Arm um die Taille und führte sie zurück in die besser beleuchteten Gegenden der Stadt. Hier fühlte er sich sicherer - oder er hoffte zumindest, dass sie hier sicherer war.

„Waren Sie auf einer Party?“ Corbin wies auf ihr Kostüm und Famke nickte begeistert.

„Gabe hat hier viele Freunde ... Es war einfach berauschend!“ Lächelnd breitete sie die Arme aus und drehte eine Pirouette, bei der Corbin sie allerdings auffangen musste, denn die ungewohnten Schuhe nahmen ihr den Halt.

„Vorsicht“, murmelte er und hielt sie einen Moment länger fest, als es nötig gewesen wäre. „Sie werden sich noch verletzen.“

„Nicht in Ihrer Gegenwart“, gab sie zurück und zog die Schultern hoch. Solange sie durch die Straßen gerannt war, hatte sie die niedrigen Temperaturen nicht gespürt, aber jetzt ...

„Hier, ziehen Sie meine Jacke an.“ Corbin schlüpfte aus seinem Schoßrock und half Famke galant, ihn anzuziehen. „Was halten Sie davon, wenn wir irgendwo noch etwas trinken gehen?“

Famke warf einen Blick auf ihr Handgelenk, aber sie trug zu dem Kostüm natürlich keine Armbanduhr. Also zuckte sie nur leicht die Schultern und zog die Jacke enger um sich. „Wissen Sie, wie spät es ist?“, fragte sie.

Corbin zog eine Taschenuhr aus seiner Westentasche. „Kurz nach halb drei“, teilte er ihr mit.

„Ich weiß nicht, ob wir noch irgendwo etwas zu trinken bekommen“, gab sie zu bedenken, aber Corbin lächelte kurz.

„Lassen Sie das meine Sorge sein“, winkte er ab. „Ich kenne ein Plätzchen, wo es sehr guten alten Whiskey gibt.“

Famke hob fragend eine Augenbraue, aber Corbin bot ihr nur seinen Arm und führte sie zu seinem Wagen, den er in der Innenstadt geparkt hatte.

Famke wollte erst fragen, wohin sie fahren würden, aber die Antwort lag auf der Hand: Corbin würde sie mit in sein Haus nehmen. Zweifel überkamen sie, aber der Zauber der Nacht wischte sie beiseite. Außerdem hatte sie ihn doch wiedersehen und näher kennenlernen wollen, oder etwa nicht?

 

Die Eingangshalle wurde vom Mond in silbernes Licht getaucht, aber Corbin führte sie weiter bis ins Musikzimmer, wo er ihr vor den großen Fenstern einen Sessel zurechtrückte.

„Dieses Haus hat in der Dunkelheit seinen ganz eigenen Charme“, stellte Famke fest.

„Deswegen liebe ich es auch so sehr“, stimmte ihr Corbin zu und reichte ihr ein schweres Kristallglas, in dem eine honigfarbene Flüssigkeit über Eiswürfel schwappte.

„Sie haben wirklich Strom?“ Famke betrachtete das Eis versonnen. „Hätte mich hier draußen nicht gewundert, wenn‘s nicht so gewesen wäre. Man sieht nirgends Kabel, Schalter oder Steckdosen.“

Corbin grinste. „Ich wollte nicht den Charme des Hauses zerstören“, erklärte er. „Alle nachträglichen Installationen sind so gelegt worden, dass sie nicht auffallen.“

„Sie sind ein merkwürdiger Mann, Corbin.“ Es war Famke anzuhören, dass sie bereits einiges in dieser Nacht getrunken hatte, aber das störte nicht ihren Scharfsinn. „Sie hüten mehr Geheimnisse, als man ahnen mag.“

„Tun wir das nicht alle?“, wich ihr Corbin geschickt aus. „Wollen Sie mir erzählen, was Sie zurück in den Norden verschlagen hat?“ Corbin nippte an seinem Drink und fixierte sie.

„Private Probleme“, gab Famke zögernd zurück und trank ebenfalls von ihrem Whiskey. „Ich hatte in Frankfurt einen Freund, der aber leider verheiratet war.“

„Das tut mir leid.“ Corbin starrte in den Garten hinaus. „Aber es ist oftmals nicht leicht, sich in den richtigen Partner zu verlieben.“

„Nein, wahrlich nicht“, stimmte Famke ihm zu. „Vor allen Dingen, da man es sich nicht aussuchen kann. Man sieht jemanden, und - peng - hat man sich verliebt.“

„Ja, ohne Ansehen des Standes, der Abstammung, der Lebensweise“, erklärte Corbin nachdenklich. „Da frage ich mich, welchen Sinn die Liebe überhaupt noch hat.“

„Welch eine düstere Einstellung“, tadelte Famke sanft. „Die Liebe ist das, was das Leben sinnvoll macht! Ich meine, stellen Sie sich vor, Sie müssten Jahrhunderte lang leben, ohne zu lieben!“

„Selbst mit der Liebe ist das keine besonders schöne Vorstellung“, gab er bedrückt zurück. „Glauben Sie mir, ewiges Leben, ewige Jugend ist nicht unbedingt erstrebenswert.“

„Was können Sie davon wissen?“ Famkes Augen ruhten auf ihm, aber Corbin zuckte nur die Schultern.

„Nichts“, gab er schließlich zurück. „Vielleicht ist es lediglich die Nacht der Untoten, die mich so melancholisch werden lässt.“

„Vielleicht“, stimmte ihm Famke zu. „Vielleicht ist es aber auch Ihre Einsamkeit.“

„Sieht man sie mir an?“ Corbin versuchte gar nicht erst, zu leugnen, vielmehr sah er ihr direkt in die Augen.

„Ja, ich denke schon.“ Von Famkes angeheiterter Stimmung war nichts mehr geblieben. Sie spürte sehr genau den tiefen Ernst, der von Corbin ausging. „Sie, dieses Haus ... Alles wirkt sehr einsam, sehr bedrückend auf mich.“

„Sie sind noch zu jung, um das zu verstehen!“ Eine ungewollte Schroffheit hatte sich in seine Stimme gestohlen und Corbin stand abrupt auf.

Darauf wusste Famke nichts zu antworten, sie starrte schweigend in den Garten, wo das Mondlicht langsam verblasste. Es würde bald hell werden, stellte sie erstaunt fest. War sie bereits so lange in Corbins Haus?

„Ich befürchte, ich werde Sie jetzt nach Hause bringen müssen.“ Corbin war ihrem Blick gefolgt und seine Uhr hatte ihm verraten, dass es bereits sechs Uhr war. Bald würde die Sonne aufgehen.

„Ja, es ist bereits sehr spät“, stimmte sie zu. „Oder schon sehr früh!“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, während sie ihre Schuhe anzog.

Wenig später saß sie wieder neben ihm in seinem Wagen und ließ sich zu dem Haus bringen, in dem ihre Wohnung lag.

„Vielen Dank für Ihre Gesellschaft“, bedankte sich Corbin bei ihr, als er angehalten hatte. „Sie machen sich keinen Begriff davon, wie sehr ich es genossen habe.“

„Das kann ich Ihnen gerne zurückgeben.“ Famke legte ihre Hand auf seine und beugte sich dann rüber, um ihm einen zarten Kuss auf die Wange zu hauchen.

„Besuchen Sie mich bitte bald wieder“, bat Corbin eindringlich. „Ich bin immer abends für Sie da.“

Famke musterte ihn lange, dann nickte sie. „Gerne“, stimmte sie zu, stieg aus und ging zur Haustür. Corbin wartete noch, bis die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, dann fuhr er wieder nach Hause.

*.*.*

In der Abenddämmerung wachte Corbin langsam wieder auf und streckte sich genüsslich, während die letzten Lichtstrahlen verschwanden. Sein Kopf war schwer, aber das war nach der letzten Nacht auch nicht anders zu erwarten gewesen.

Mit einem Seufzen setzte er sich auf und überlegte einen Moment, was er jetzt machen sollte. Wahrscheinlich würde ihn Marylla heute noch besuchen, denn er hatte eigentlich bereits in der vergangenen Nacht mit ihr gerechnet.

„Naja“, murmelte er. „Schauen wir mal!“

Hunger plagte ihn, aber Corbin konnte sich nicht aufraffen, sich etwas zu Essen zu besorgen. Nach der letzten Nacht war ihm eigentlich der Appetit vergangen, vor allen Dingen, da er ahnte, was seine ‚Freunde’ getrieben hatten.

Nervös begann er, ein Feuer im Kamin der Eingangshalle zu entzünden, dann lief er unruhig im Haus umher, durch das Erdgeschoss, durch die oberen Räume, bis er schließlich im Keller landete.

Hier betrat er andächtig die kleine Kapelle, die er eingerichtet hatte. Mit einem Seufzen ließ er sich auf die Knie nieder und faltete die Hände, die Ellenbogen auf die Bank vor sich gestützt.

„Warum tust du mir das alles an?“ Seine Stimme war tonlos. „Habe ich denn noch nicht genug gelitten? Hast du denn in all den Jahren keine Genugtuung für meinen Frevel bekommen?“

Aber er bekam keine Antwort, hatte auch keine erwartet.

Dennoch blieb er eine lange, sehr lange Zeit vor dem Altar knien, in ein inbrünstiges Gebet vertieft, in der Hoffnung, doch irgendwann einmal Rettung für seine Seele zu finden.

 

 

 __________________________________________________________________________________

 

 

"Seelenchronik 2 - Seelenfänger"

 

 

1. Kapitel

Gabe war eine Weile ziellos herumgezogen, nachdem er Norden verlassen hatte. Er hatte neue Wege beschritten, in den Süden hinein, den er noch nicht kannte. In keinem Ort war er länger geblieben, nirgendwo hatte er mehr als ein paar gezwungene Worte mit jemandem gewechselt.

Er hasste die Nächte, ebenso wie die Tage, aber die Nächte waren schlimmer. Er träumte immer und immer wieder, wie Corbin durch den Pflock gestorben war, den er ihm in die Brust gerammt hatte. Obwohl er wusste, dass das nicht mehr Corbin gewesen war, sondern Cathmore, kam er sich vor wie ein Mörder.

Zehn Wochen waren seit jener Nacht vor Weihnachten vergangen, aber Gabe konnte nicht zur Ruhe kommen. Er wusste, dass in Norden und überall anders alles seinen gewohnten Gang ging, für ihn blieb alles ein Chaos.

Seine Gedanken, seine Gefühle und seine Erwartungen kreisten umeinander und um das eine Thema: Er hatte Corbin getötet. Er hatte den Mann getötet, den er geliebt hatte.

Auf seinem Weg hatte er die Anwesenheit von Vampiren gespürt und er war sich schmerzlich bewusst, dass er sich verändert hatte. Er hatte zu tief in den Abgrund geblickt, hatte erfahren, wozu er fähig war. Er war ein Krieger, auch wenn sich alles in ihm dagegen sträubte. Konnte er so tun, als wäre nichts geschehen? Als habe er nicht gegen Vampire und Dämonen gekämpft - und das erfolgreich?

Er musste sich dem stellen und zumindest herausfinden, ob ihn dieser Weg irgendwo hinbringen würde.

*.*.*

In Norden lag hoher Schnee und Gabe zog fröstelnd die Schultern hoch, als er aus dem Auto stieg. Er war den Weg von Regensburg bis nach Norden durchgefahren und war hundemüde.

Er stand vor einem Wohnhaus am Rande der Innenstadt und musterte die hell erleuchteten Fenster. Famke war nach der Sache umgezogen. Ihre Wohnung erstreckte sich über die gesamte untere Etage des Einfamilienhauses, während oben eine weitere Wohnung mit separatem Eingang war.

Gabe hatte Angst davor, mit Famke zu sprechen. Seit seiner Flucht aus Norden hatte er sich nur einmal bei Chevalier gemeldet, ansonsten hatte Schweigen zwischen ihnen geherrscht. Er hatte sich noch nicht einmal nach Famkes Genesung erkundigt. Dennoch war sich Gabe sicher, dass ihm Famke verzeihen würde. Die Frage war, wie er mit Chevalier umgehen sollte.

„Einen Moment bitte!“ Famkes Stimme klang fröhlich wie immer und Gabe kam sich schlecht vor. Wie hatte er nur untertauchen können?

„Gabe!“ Als Famke die Haustür öffnete, starrte sie ihn einen Herzschlag lang verblüfft an, dann trat sie vor ihren Bruder und nahm ihn wortlos in den Arm. „Schön, dass du da bist“, sagte sie und zog Gabe mit sich ins Wohnzimmer. „Geht es dir besser?“

Gabe schämte sich noch mehr, jetzt, da Famke nichts als Verständnis für seine Lage zeigte. „Das sollte ich dich fragen!“, brach es aus ihm hervor. „Ich ...“, setzte er an, wusste nicht weiter.

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Gabe“, sagte Famke. „Wir haben doch verstanden, dass du alleine sein musstest. Wir alle mochten Corbin.“

„Aber ich alleine habe ihn getötet.“ Gabes Stimme klang erstickt, aber er hatte sich soweit im Griff, dass keine Tränen kamen. Er hatte in einsamen Stunden um Corbin geweint, das musste jetzt vorbei sein. „Famke, ich träume jede Nacht von ihm! Und in meinen Träumen sind es Corbins braune Augen, die mich ansehen, wenn er stirbt.“

Famke setzte sich mit ihm auf die Couch und nahm seine Hand in ihre. „Es tut mir leid“, sagte sie leise. „Ich wünschte, ich hätte es verhindern können.“

Eine lange Weile saßen sie stumm nebeneinander, ehe Gabe sie offen ansah. „Wie ist es euch hier ergangen?“, wollte er wissen und Famke stand auf, um ihnen etwas zu trinken zu holen.

„Eigentlich ganz gut“, berichtete sie. „Ich weiß nicht, ob du es noch mitbekommen hast? Die Verwüstung des Rathauses ging durch die Presse, es war die Rede vom Paranormalen, aber das wurde als Spinnkram abgetan.“ Sie seufzte leise. „Es ist ruhig geworden, denke ich. Soweit ich weiß, halten die Untoten die Füße still.“

Gabe versuchte ein Lächeln, das schmal ausfiel. „Und Chevalier?“

„Er vermisst dich“, gab Famke zurück. „Du wirst es nicht glauben, dieser trockene Belgier macht sich Sorgen um dich! Ich denke, er wird sich freuen, dass du wieder da bist.“ Gabe schwieg darauf. „Soll ich ihn anrufen?“, wollte Famke wissen und Gabe zögerte einen Moment, ehe er nickte.

„Ich würde mich freuen, ihn wiederzusehen“, stimmte er zu, obwohl ihm nicht wohl war. Vieles war ungesagt und ungeklärt geblieben.

 

Eine halbe Stunde später klingelte es an der Tür und Chevalier stand davor.

„Gabriel.“ Chevalier musterte ihn zur Begrüßung fragend. „Wo hast du gesteckt?“

„Überall und nirgends“, gab er schwammig zurück. „Hab mich rumgetrieben, versucht, den Kopf frei zu bekommen.“

„Hat es funktioniert?“ Chevaliers Blick war bohrend und Gabe kam sich sofort wie ein unmündiger Junge vor.

„Ich weiß es noch nicht “, antwortete er wahrheitsgemäß. „Aber ich bin ja immerhin wieder hier, oder?“

Darauf sagte Chevalier nichts, sondern ging in Famkes Wohnzimmer und nahm sich eine Tasse Kaffee, ehe er scheinbar gelangweilt aus dem Fenster sah.

„Ich denke, dein Chef bei der Zeitung wartet auf dich?“, wollte er dann wissen und Gabe zuckte die Schultern.

„Ich weiß es nicht“, gab er ehrlich zurück. „Das werde ich sehen.“

„Lassen Sie ihn erst ankommen!“ Famke schmiegte sich an seine Seite. „Komm, erzähl, wo warst du alter Rumtreiber?“

Das klang scherzhaft missbilligend, wie sie immer seinem unsteten Leben gegenübergestanden hatte, und Gabe berichtete bereitwillig, was er in den letzten Wochen getan hatte.

„Das Schlimmste für mich sind die Alpträume“, gestand er am Ende seines Berichtes. „Ich träume, wie ich Corbin töte, und seine Augen ... sie sind so traurig.“

„Gabe, wir sollten in Ruhe miteinander reden“, meldete sich Chevalier nach einer langen Pause zu Wort und Gabe nickte zustimmend.

„Das sollten wir“, gab er zurück und stand auf. „Aber alleine, wenn es niemanden stört.“

Famke sah ihn verdattert an, dann nickte sie zögernd und stand ebenfalls auf.

„Hast du noch deine Wohnung?“, wollte sie wissen und Gabe nickte.

„Hey, so lange war ich ja auch nicht weg“, sagte er amüsiert. „Es ist alles in Ordnung, Kleine.“

Er verabschiedete sich von seiner Schwester und verließ mit Chevalier Famkes Wohnung. Sie würden in die Bibliothek fahren, um zu reden – Chevalier hatte dort Anfang des Jahres eine Anstellung angenommen.

 

„Bei Ihnen hat sich nichts verändert“, stellte Gabe fest und strich mit den Fingern über die alten Buchrücken.

„Nein, sollte es das?“ Chevalier saß auf seiner Schreibtischkante und musterte Gabe.

„Vielleicht“, gab der leise zurück. „Immerhin ist eine Menge passiert.“

„Bist du wirklich zurückgekommen, Gabe?“ Chevaliers Frage überraschte Gabe, aber auch nicht vollkommen.

„Ich denke schon.“ Sein Blick glitt suchend über die Buchrücken, ohne etwas zu finden. „Ich hatte schließlich eine Menge Zeit, um nachzudenken.“

„Mit welchem Ergebnis?“ Der Belgier war kühl wie immer und ließ sich keinerlei Regung anmerken.

„Ich werde mich nicht als Krieger in den Dienst Ihres Ordens stellen, Robert“, wies Gabe ihn sofort zurück. „Ich will das alles nicht mehr! Ich habe Blut vergossen, auch wenn es nur Dämonenblut war. Das will ich nie wieder tun müssen.“

Chevalier musterte ihn lange wortlos. Gabe konnte nicht einmal ahnen, was hinter der Stirn des Belgiers vor sich ging.

Schließlich erhob sich der und nickte langsam. „Die Entscheidung muss ich akzeptieren.“ Er sah nicht glücklich aus.

„Können wir dennoch ... ich weiß nicht ... Freunde sein?“, fragte Gabe nach, der nicht im Streit mit Chevalier auseinandergehen wollte.

„Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“, beruhigte Chevalier ihn und Gabe verabschiedete sich, er wollte nur noch nach Hause! Zu lange hatte er das in den letzten Wochen vermissen müssen.

*.*.*

Der sechste März war ein ungewöhnlich kalter, windiger Tag und Schnee trieb über die Straßen. Es hatte noch einmal eine Menge Neuschnee gegeben, wo die Menschen schon auf Frühling gehofft hatten.

Gabe starrte missmutig aus dem Fenster. Das Wetter passte hervorragend zu seiner Stimmung. Er fühlte sich frostig, fast erfroren, erstarrt. Mit einem Seufzen zog er sich einen dicken Pullover an. Er würde einen wichtigen Besuch machen müssen, ehe er sich seinem neuen Leben in Norden widmen konnte.

 

Corbins Anwesen lag wie ein totes Tier vor ihm, kalt und verlassen, und ebenso traurig wie Gabe selbst.

Die Tür knarrte in den Angeln, als er sie aufschob und feuchte Kälte schlug ihm aus der Eingangshalle entgegen. Die anhaltenden Minusgrade der letzten Monate hatte dem Haus alle Wärme entzogen. Die Fenster schienen dreckig zu sein, oder selbst das Sonnenlicht wollte diesen Ort meiden. Alles sah schmutzig aus, entweiht und verlassen.

Einen langen Moment stand Gabe einfach in der Tür, starrte die Halle an, in der er so oft mit Corbin gewesen war, musterte die Standuhr, die längst stehen geblieben war, musterte die Truhen, die aus Corbins Hand stammten.

Dann ging er langsam in die Halle hinein, bis er vor dem Kamin stehen blieb. Hier hatte Corbin oft traurig und verloren gestanden, den Blick ins Feuer gesenkt. Was war damals in seinem Kopf vorgegangen? Waren es seine dunkeln Instinkte gewesen, die ihn gequält hatten?

Gabe wusste es nicht, und es war auch einerlei. Corbin war tot, er würde nie wieder hier stehen, und ganz sicher würde er ihn nie wieder in die Arme nehmen. Er hatte es geliebt, seine weiche Stimme zu hören, wenn er auf diese unnachahmliche, langsame Art mit ihm gesprochen hatte. Und er hatte die Zärtlichkeit seiner Lippen geliebt, seiner Hände, seines ganzen Körpers.

All das gehörte der Vergangenheit an und Gabe musste das akzeptieren, wollte er weiterleben.

Er setzte sich in Corbins Sessel, die Augen geschlossen, und lauschte auf einen Widerhall des Mannes, den er hier kennengelernt hatte. Aber es blieb still. Nach ein paar Augenblicken stand er auf und ging nach oben, wo er sich vorsichtig in Corbins Bett legte. Es war gemacht, aber Gabe bildete sich ein, noch den Hauch seines Geruchs finden zu können, als er das Gesicht in den Kissen vergrub. Hier schien ein winziges Bisschen geblieben zu sein, zumindest so lange, bis der Staub es vereinnahmen würde.

„Von Ewigkeit zu Ewigkeit“, murmelte er leise, während Tränen über seine Wangen liefen. „Ich liebe dich, Corbin Kavanagh! Wo auch immer du jetzt sein magst ... ich hoffe, es geht dir gut.“

Er blieb noch kurz liegen, dann verließ er mit schleppenden Schritten und hängenden Schultern das Anwesen. Mehr Abschied würde er nicht nehmen können.

*.*.*

Gabe hatte ein unerfreuliches Gespräch mit seinem ehemaligen Chef in der Zeitung gehabt, aber es war erstaunlich einfach gewesen, seinen alten Job wiederzubekommen. Es schien fast, als hätten sie auf ihn gewartet. Nun gut, so lange war er nicht weg gewesen, aber er war immerhin von heute auf morgen verschwunden, ohne sich in irgendeiner Weise zu melden. Und das, wo es doch scheinbar so unerklärliche Vorgänge im Rathaus gegeben hatte - sie hatten ein ziemliches Durcheinander hinterlassen.

„Du steckst da mit drin, und ich weiß es.“ Sein alter Kollege Stefan Bruns setzte sich auf Gabes Schreibtischkante, kaum dass der sein Büro wieder bezogen hatte. Zur Unterstreichung seiner Worte ließ er einen Aktendeckel mit Artikeln auf den Tisch fallen und ein paar rutschten heraus, so dass Gabe sehen konnte, dass es sich dabei um die Sache im Rathaus handelte. ‚Der Showdown‘, wie Gabe es für sich nannte.

„Wo soll ich mit drin stecken?“, wollte er ruhig wissen und griff langsam nach den Berichten, obwohl sein Herz sofort zu hämmern begonnen hatte. Das hier war noch lange nicht verdaut, das wusste er nur zu gut.

„In diesem Desaster im Rathaus“, erklärte Stefan und schob einen Bleistift hinter das Ohr. Gabe glaubte, dass er sich dieser klischeehaften Bewegung nicht einmal bewusst war. „Der Weihnachtsmann war’s jedenfalls nicht.“

„Ich weiß nicht, wovon du redest“, murmelte Gabe und tat so, als sähe er die Berichte zum ersten Mal. Das stimmte auch, aber er sah den Inhalt nicht zu ersten Mal. Und er war erstaunt, wie detailliert die Berichte teilweise waren.

„Verarsch mich nicht, Gabriel“, wies ihn Stefan zurecht. „Du hast in den Wochen davor ein paar recht seltsame Recherchen angestellt und bist genau nach diesem ... Was auch immer aus Norden verschwunden. Dafür schuldest du mir mindestens eine Erklärung.“

„Lass mich das lesen“, bat ihn Gabe statt einer direkten Antwort. „Wer hat denn hier recherchiert?“

„Steht unten drauf, das weißt du doch noch, oder?“, gab Stefan zurück, dann stand er auf und verließ Gabes Büro.

Der starrte einen Augenblick ins Leere, ehe er sich einen frischen Kaffee holte und sich daran machte, die Artikelserie über die ‚Vorkommnisse im Rathaus‘ zu lesen.

Sie waren lange nicht so unbeobachtet geblieben, wie sie damals angenommen hatten. Die ganze Aktion um Cathmore, um das Lexikon und den Kampf mit den Untoten und Dämonen – für alles hatte es mehr oder weniger Augenzeugen gegeben.

Ein paar derer, die in den Artikeln zu Wort kamen, waren dabei verdammt dicht an der Wahrheit dran ...

Zum Glück hatte ihnen offenbar niemand weiter Beachtung geschenkt, aber das beschränkte sich auf die offiziellen Kreise. Unter den Reportern und Lesern gab es mit Sicherheit eine Menge, die eins und eins zusammengezählt hatten. Schließlich war die Vampirgemeinde von Norden nicht erst zu Halloween unangenehm aufgefallen.

Gabe hoffte, Stefan abgeblockt zu haben, aber sicher war er sich da nicht.

*.*.*

Bereits die ersten Nächte zu Hause hatten Gabe gezeigt, dass nichts mehr so war, wie früher. Er konnte nicht schlafen, und wenn er doch endlich eingeschlafen war, hatte er massive Alpträume.

Dagegen versuchte er, mit körperlicher Überlastung vorzugehen – er suchte sich ein Fitnessstudio und begann, seinen Körper bis zum Umfallen zu schinden. Aber er konnte seine Gedanken nicht zwingen, Ruhe zu geben. Sein Körper war zwar abends todmüde, aber seine Seele wollte immer noch auf Reisen gehen. Er träumte stets von Corbin, aber inzwischen träumte er von den Dingen, die schön gewesen waren.

Zeit heilt alle Wunden‘, versicherte er sich selbst immer wieder, wenn er aus diesen Träumen erwachte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er zu einem normalen Leben übergehen konnte.

Soweit ein Leben mit seinen Erfahrungen und Erinnerungen normal sein konnte.

Er würde sich aus den Trümmern des alten Lebens neu definieren, neue Wege gehen müssen. Famke war nicht mehr die enge Vertraute, die sie sein Leben lang gewesen war. Sie ließ ihn das nicht spüren, aber für ihn selbst stand sehr viel zwischen ihnen. Er fühlte sich für alles verantwortlich und schämte sich, weshalb er sich fragte, ob es nicht besser wäre, sich ganz von ihr zu lösen. Ihre Begegnung mit den Untoten hatte ihnen allen mehr Schmerzen zugefügt, als er es jemals gewollt hatte.

Sie waren gemeinsam durch die Hölle gegangen, aber in den schlaflosen Nächten war er sich sicher, dass keiner von ihnen bisher den Ausgang gefunden hatte.

 

2. Kapitel

Helfen Sie uns bitte! Im Seeblick 74 spukt es! Das Haus ist böse!

Gabe starrte den Zettel verblüfft an, der in seiner Post gewesen war. Die Nachricht war in Druckbuchstaben geschrieben und der Zettel hatte in einem unscheinbaren braunen Umschlag gesteckt, ohne Absender, ohne weiteren Hinweis.

„Das ist ein Witz, oder?“, murmelte er zu sich selbst, aber seine Nackenhaare stellten sich auf. Seine Neugier als Journalist war auf jeden Fall geweckt.

Er ließ seinen Computer hochfahren und sah erst mal nach, was er über die Adresse herausfinden konnte.

*.*.*

Gabe hatte keine Vorstellung von einem realen Spukhaus gehabt, aber das hier kam dem typischen Klischee schon sehr nahe: Es lag am Ende einer gewundenen Straße, von der lange, größtenteils unbefestigte Zufahrten zu den nur zu erahnenden Häusern führten. Selbst zu dieser Jahreszeit verbargen die kahlen Bäume das meiste der Häuser. Gabe konnte nur sehen, dass es sich um Einfamilienhäuser mit einem oder zwei Stockwerken handelte.

Das Haus der Evermanns lag am Ende der Straße, wo der Asphalt in einen Schotterweg überging, der stellenweise unter dem Schnee zu ahnen war. Gabe konnte nicht sagen, wann hier zuletzt ein Auto langgefahren war, denn der Schnee war so harsch und festgefroren, dass er kaum mehr Abdrücke aufnahm. Aber der letzte Neuschnee war sicherlich zwei Wochen her und Gabe konnte lediglich Fußabdrücke erkennen. Ziemlich kleine Fußabdrücke.

Er sah auf die Uhr – halb zwei, da müsste jemand zu Hause sein. Über die Bewohner war nicht viel zu erfahren gewesen, Frau Evermann war geschieden und arbeitete als Kinderbuchautorin. Die Kinder Jolina und Bennet gingen in die Schule in Norden. Soweit nichts Ungewöhnliches.

Einen Augenblick lang war Gabe versucht, zuerst mit den Nachbarn zu sprechen, verwarf den Gedanken dann aber wieder. So weit, wie hier die Häuser auseinander standen, müsste schon ein Rollkommando anrücken, damit die Nachbarn etwas mitbekämen.

Mit einem letzten unwilligen Blick auf das Außenthermometer stieg Gabe aus seinem wohlig warmen Auto und machte sich auf den Weg zum Haus.

Es war vollkommen still in der Winterkälte – kein Vogel war zu hören, nicht einmal das Knacken von überlasteten Zweigen unter dem Schnee, lediglich seine Schuhe knirschten auf der harschen Eisfläche unter seinen Füßen.

Die Zufahrt machte einen Bogen und fiel deutlich ab. Gabe konnte zwischen den kahlen Bäumen die glatte Fläche des kleinen Sees sehen, an dem das Haus liegen musste. Noch trennte ihn eine letzte Windung davon und auf deren Scheitelpunkt blieb er verblüfft stehen.

Vor ihm lag ein Spukhaus, wie man es aus amerikanischen Filmen kannte. Zweistöckig, holzverkleidet und mit Schindeln gedeckt. An den Ecken rankte sich Efeu bis unter das Dach und umschlang die Veranda und den oberen Balkon mit seiner immergrünen Umarmung. Die Butzenfenster blinzelten misstrauisch zu ihm herüber und alles an diesem Anblick riet ihm, wieder zu gehen.

Aber hinter zwei Fenstern im Erdgeschoss brannten gegen das winterliche Zwielicht Lampen und Gabe setzte sich wieder in Bewegung. Der Weg zum Haus war weit kürzer als zurück zum Auto, das gab den Ausschlag.

Vor der Haustür war eine Fliegengittertür angebracht. Ganz offenkundig war der Erbauer ein großer Freund amerikanischer Bauart gewesen. Gabe nahm an, dass das Haus weit jünger sein musste, als es den Anschein hatte.

Drinnen waren Geräusche zu hören, Fußgetrappel, Kinderstimmen. Das alles verstummte schlagartig, als Gabe klingelte.

Niemand näherte sich der Tür, jedenfalls konnte Gabe nichts hören, was ihn verwunderte – normalerweise kamen Kinder immer zuerst an die Tür gestürmt.

„Am liebsten würdet ihr noch das Licht ausmachen“, murmelte Gabe und hob fröstelnd die Schultern. Er fror, aber gleichzeitig wusste ein Teil von ihm, dass das nicht alles war. Der Teil, den er eigentlich seit letztem Dezember zu unterdrücken suchte. Seine Instinkte als Krieger – archaisch und scheinbar weitervererbt aus dunkelster Vorzeit – schlugen Alarm, wenn auch bisher nur verhalten.

„Ich bin harmlos!“ Er grinste breit und hob beide Hände in einer entwaffnend offenen Geste an. „Frau Evermann? ... Seid ihr allein, Kinder?“ Er machte ein möglichst harmloses Gesicht. „Mein Name ist Gabriel Jelgers, ich wollte gerne mit eurer Mutter reden!“

„Worüber denn?“ Gabe erschrak leicht, als ganz unvermittelt die Tür geöffnet wurde. Das Mädchen dahinter musterte ihn abweisend, ohne die Spur von Furcht.

„Ist sie zu Hause?“, fragte Gabe dagegen, ohne näher zu kommen. Er wollte das Mädchen nicht erschrecken.

„Meine Mutter ist bei ihrem Verleger“, bekam er zur Antwort. Er konnte keine Emotionen in dem Kindergesicht lesen, auch wenn er sich sicher war, versteckte Angst zu spüren. „Worum geht es?“

„Wann ist sie denn wieder da?“, wich Gabe erneut einer Antwort aus, bekam aber nur ein Achselzucken.

Einen Augenblick starrten sie sich wortlos an, dann startete Gabe einen neuen Versuch. „Hör zu, ich will euch keine Probleme machen“, versicherte er. „Ich will einfach nur reden. Über euch, über ... das Haus.“

„Da gibt es nichts zu reden“, wurde er abgewiesen. „Das Haus steht nicht zum Verkauf. Einen guten Tag!“

Ehe Gabe darauf reagieren konnte, war die Tür wieder zu und er wusste instinktiv, dass sie sich für ihn auch nicht mehr öffnen würde. Jedenfalls nicht heute.

*.*.*

Zurück in der Redaktion ging er im Geiste die Möglichkeiten durch. Jemand hatte ihm diese Nachricht geschickt, aber offenbar nicht das Mädchen. Sie hatte ihn schroff und routiniert abgewiesen. Was war da los? Auf ihn hatte sie den Eindruck gemacht, alleine zu sein, sie schien ihm seltsam verloren.

War die Mutter tatsächlich bei ihrem Verleger? Das musste doch leicht zu überprüfen sein.

Und wer hatte ihm die Nachricht geschickt? Das war kein dummer Scherz, soviel stand fest – Gabe hatte deutlich irgendetwas spüren können.

Einen Moment lang war er versucht, Chevalier anzurufen, entschied sich dann aber dagegen. Er war auf den Belgier nicht gerade herzlich zugegangen, da musste er jetzt alleine klarkommen. Er war sich darüber im Klaren, dass man nicht nur irgendwie Krieger sein konnte, sondern so eine Aufgabe ganz oder gar nicht ausfüllen musste.

Im Grunde war er mit dem Thema durch, er wollte nichts mehr mit Dämonen und der Dunklen Seite zu tun haben, dafür hatten sie alle im letzten Winter zu viel Leid erfahren.

Aber da war dann der stets neugierige Journalist in ihm, der die Instinkte des Kriegers nutzen wollte, um eine tolle Story zu bekommen.

Ging das – ein bisschen Krieger sein? Hilfe fordern, ohne welche geben zu wollen?

„Woran arbeitest du?“ Mitten in seine dunklen Gedanken platzte Stefan und schreckte Gabe auf.

Im ersten Moment war er versucht, Stillschweigen zu bewahren, dann gab er sich aber einen Ruck. Er wusste, dass er als seltsam galt, da konnte er kaum mehr seinen Ruf ruinieren.

„Das hier hab ich gestern bekommen.“ Er schob Stefan den Aktendeckel mit der Nachricht rüber und der setzte sich auf die Schreibtischkante.

„Ein dummer Scherz?“, fragte er, aber Gabe schüttelte langsam den Kopf.

„Glaube nicht“, gab er gedehnt zurück, ohne Stefan aus den Augen zu lassen. „Ich war vorhin draußen an dem Haus, und ... naja, irgendwas ist seltsam.“

„Instinkte, hm?“ Stefan las die Nachricht erneut und drehte sie dann auf der Suche nach weiteren Hinweisen um, aber da war nichts. „Was hast du gefunden?“

„Zwei Kinder.“ Gabe zog die Nase kraus. „Die Mutter ist Kinderbuchautorin und angeblich bei ihrem Verleger.“

„Aber das glaubst du nicht.“ Stefan nickte leicht. „Okay, da sind also zwei fantasiebegabte Kinder allein zu Haus ... Ein dummer Streich?“

„Vielleicht. Gut möglich“, räumte Gabe ein. „Aber ich glaub’s eigentlich nicht. Irgendwas da am Haus war spürbar seltsam.“

Stefan sah ihn unverwandt an und Gabe wurde unter diesem forschenden Blick ganz kribbelig.

„Wir sollten mal bei einem Bier oder Wein reden“, sagte Stefan gedehnt. „Es wird Zeit.“ Er sah Gabe weiter so offen an. „Du kannst mir vertrauen.“

„Sollten wir, ja?“ Gabe wollte niemandem mehr trauen, aber er wusste genau, dass das lediglich die Wunden des Krieges waren, die ihm zusetzten.

Stefan sah demonstrativ auf die Uhr, ehe er aufstand. „Ich denke, du hast nichts gegen ein Feierabendbierchen“, entschied er und Gabe nickte zustimmend – er würde sich darauf einlassen.

Bis dahin hatte er aber noch viel zu tun.

Über das Internet war es einfach, Kontakt zum Verlag herzustellen, der die Kinderbücher von Frau Evermann verlegte. Gabe hatte sich die Klappentexte angesehen – von diesen Geschichten waren ihre Kinder jedenfalls nicht inspiriert, sollten sie sich hier wirklich einen dummen Scherz erlauben.

In der Zentrale des Vulkan-Verlages ging sehr schnell eine freundliche Telefonistin ran, die Gabe gerne mit dem Verleger verband – Presse lehnte kein Verlag auf Anhieb ohne Grund ab.

„Mommsens, Herr Jelgers, was kann ich für Sie tun?“, meldete sich der Stimme nach ein älterer Herr freundlich.

„Guten Tag, Herr Mommsens“, erwiderte Gabe die Begrüßung. „Ich rufe wegen Frau Evermann an – sie ist Ihnen persönlich bekannt?“

„Aber ja!“ Der Mann am anderen Ende strahlte hörbar. „Sie ist der aufsteigende Stern unseres Hauses!“

„Das freut mich, zu hören.“ Gabe grinste jovial. „Kann man Frau Evermann zurzeit bei Ihnen erreichen? Ich würde gerne ein Interview mit ihr vereinbaren.“

„Nein, das tut mir leid“, bekam er eine enttäuschende Antwort. „Wir können zwar sicherlich den Kontakt herstellen, aber persönlich erreichen können Sie Frau Evermann hier nicht.“

„Da bin ich wohl falsch informiert worden“, bedauerte Gabe. „Man sagte mir, sie wäre zu Gesprächen bei Ihrem Verleger.“

„Schön wär’s“, seufzte Herr Mommsens. „Wir warten gespannt auf ihr neuestes Werk. Aber vielleicht ist sie bei ihrem Agenten zu erreichen und so entstand das Missverständnis?“

„Wer vertritt sie denn?“ Gabe griff seinen Stift.

„Agentur Thompson und Möves“, gab Herr Mommsens zur Antwort. „Der Herr Kaufmann betreut sie dort.“

„Vielen Dank für Ihre freundlichen Auskünfte“, bedankte sich Gabe ehrlich, denn so einfach war es nicht oft, an Informationen zu kommen. „Falls ich Frau Evermann auf diesem Wege nicht erreiche, darf ich auf Sie zurückkommen?“

„Gerne“, sagte Herr Mommsens, dann verabschiedeten sie sich.

Die Agentur Thompson & Möves war – wie der Verlag – in Hamburg ansässig und Gabe erreichte auch dort sehr schnell die Telefonzentrale. Herr Kaufmann war im Haus und hatte auch Zeit für einen Journalisten aus der Provinz.

Aber auch dort war keine Spur von Frau Evermann zu finden. Ganz im Gegenteil, Herr Kaufmann hatte selbst schon in den letzten zwei Wochen versucht, seine Klientin zu erreichen.

Nachdem Gabe aufgelegt hatte, starrte er einen Augenblick seinen Notizblock an und spürte die Regungen seiner Instinkte tief in sich. Hier stimmte etwas nicht. Und dazu brauchte er nicht einmal die Instinkte des Kriegers, da reichten seine normalen Instinkte vollkommen aus.

Das Mädchen war reserviert gewesen, aber im Nachhinein schien es Gabe, als habe sie ihn nicht um seinetwillen abwehren wollen. Weswegen aber dann?

Wenn ihre Aussage soweit richtig war, dass ihre Mutter nicht zu Hause war, wen fürchtete sie dann? Außer ihr hätte nur noch ihr kleiner Bruder im Haus sein dürfen.

Gesetz den Fall, dass die Nachricht von dem Jungen stammte: War es ein Hilferuf, den er zu tarnen versucht hatte? War ‚das böse Haus‘ am Ende ein Verbrecher, der sich Zugang zum Haus verschafft hatte? Und wenn ja, zu welchem Zweck? Lebte die Mutter noch und waren sie alle in der Gewalt des Unbekannten?

Es war zu spät, um noch in der Schule nachzufragen, ob die Kinder überhaupt in letzter Zeit dort erschienen waren. Dafür war es spät genug, um sich mit Stefan zu treffen.

*.*.*

Noch auf den Weg in den Stammimbiss der Redaktion war sich Gabe alles andere als sicher gewesen, mit seinem Kollegen reden zu wollen, aber als er jetzt mit einem Bier und einem Burger in einer Nische saß, war er bereit für die Wahrheit.

„Du hast seit der Sache vor Weihnachten einen gewissen Ruf“, begann Stefan ganz direkt. „Das Chaos im Rathaus ... und auch die Morde um Halloween.“

„Was sagt man denn über mich?“, fragte Gabe ruhig, obwohl sein Herz deutlich schneller klopfte.

„Dass du mittendrin gewesen bist.“ Stefan sah ihn durchdringend an. „Dass du alles weißt, worüber alle anderen nur spekulieren. Dass du Dämonen gesehen hast.“

„Ja, das habe ich wirklich.“ Gabe erschauderte bei der Erinnerung an den uralten Dämon, zu dem Cathmore aufgestiegen war. Er zwang sich, Corbin nur noch bei diesem Namen zu nennen, selbst tief in sich selbst, wo er immer noch am verwundbarsten war. „Ich war dabei, als die Welt, wie wir sie kennen, vernichtet werden sollte.“

„Von Dämonen.“ Stefan sah nicht aus, als könne er das auf Anhieb glauben. „Hier, bei uns in Norden!“

„Klingt bescheuert, ich weiß.“ Gabe grinste schief. „so was passiert in New York oder L.A., richtig? Wenn überhaupt! Oder an einem uralten, mystischen Ort, aber doch nicht hier in Ostfriesland!“

„Dämonen, ja?“ Stefan schnaubte. „Glaub mir, ich will dir das ja glauben, aber ... Das klingt vollkommen irre.“

„Ist es auch“, stimmte Gabe traurig zu. „Tatsache ist aber, dass ein bösartiger Vampir den Aufstieg zu einem mächtigen Dämon vollzogen hat und die Vernichtung der Menschheit nur ganz knapp daneben ging.“

„Und du warst dabei.“ Stefans Hand zitterte, als er nach seinem Glas griff. „Kein Wort davon ging in Druck?“

„Nein.“ Gabe trank einen langen Schluck. „Wer hätte das denn geglaubt? Vampire, Dämonen, Hexen und Bannsprüche!“

„Aber du hast es tatsächlich erlebt.“ Stefan sah Gabe offen an. „Deswegen auch das Interesse an dem Spukhaus – du glaubst, es könnte was dran sein.“

„Ich hab da so meine Theorien“, stimmte Gabe zu. „Eine davon ist ein Poltergeist oder so was. Eine andere ist ganz handfest und wirft die Frage nach einem Verbrechen auf.“

Schnell umriss er seine Theorie und Stefan nickte nachdenklich. „Erzähl mir mehr von der Dämonengeschichte, dann denke ich für dich mit nach“, schlug er vor und Gabe überlegte nur kurz, ehe er sich in Gedanken langsam an den größten Schmerz seines Lebens herantastete und ganz, ganz vorsichtig in groben, allgemein gehaltenen Zügen zu erzählen begann.

„Weißt du überhaupt, wovon du sprichst?“, wollte Stefan wissen, nachdem Gabe geendet hatte. „Von leibhaftigen Vampiren, von Hexen, die du kennst, von einem geheimen obskuren Orden, der uns vor den dämonischen Mächten beschützen will.“ Gabe hob in einer ratlosen Geste die Arme, aber Stefans Augen blitzten. „Mann, darüber solltest du ein Buch schreiben! All der Vampir- und Mystery-Hype würde dir eine Topauflage bescheren!“

Gabe grinste schief. „Okay, ich denke darüber nach. Aber was denkst du über das ‚Spukhaus‘?“ Seine Finger malten Anführungszeichen in die Luft.

„Nachfrage in der Schule“, schlug Stefan vor, was Gabe eh für morgen auf dem Zettel hatte. „Ansonsten ... Falls das alles weiter so verdächtig ist, solltest du die Polizei einschalten. Vielleicht steckt ja tatsächlich ein Verbrechen dahinter.“

Gabe verzog das Gesicht – niemand von der Presse arbeitete gerne mit der Polizei zusammen, denn das bedeutete in der Regel, dass man damit die Geschichte los war. Aber wenn dort wirklich nichts Übersinnliches am Werk war, bliebe ihm keine andere Wahl. Obwohl ihm seine dunklen Instinkte deutlich sagten, dass die Nachricht der Wahrheit entsprach.

 

 ___________________________________________________________________________________

 

 

"Seelenchronik 3 - Seelenqual" 

 

 

1. Kapitel

„Es ist sehr wichtig, dass du dich auch mit der Schwarzen Magie auskennst.“

Famke saß an einem langen Tisch im hinteren Teil der Bibliothek von Norden, einige alte Bücher aufgeschlagen um sich verteilt, einen Notizblock vor sich, den Stift in der Hand. Ihre grünen Augen funkelten vor Begeisterung, während sie Chevaliers oftmals schwerfälligen Ausführungen lauschte.

Sie hatte nach dem aufregenden Sommersonnenwendenfest intensiv angefangen, sich mit der Magie zu beschäftigen, obwohl sie sich ja eigentlich nach Corbins Tod geschworen hatte, nie wieder eine Beschwörung vorzunehmen.

Aber Corbin war wieder da, auch wenn damit nichts wieder gut war. Es war ihr unmöglich, ihn zu treffen, dafür hatte sie viel zu viel Angst vor ihm, und auch sonst hatte sich vieles verändert.

„Famke. Hörst du mir überhaupt zu?“ Chevalier riss Famke aus den Gedanken. Wie sie diesen strengen Blick hasste!

„Oh. Entschuldigung.“ Sie setzte sich aufrecht hin. „Ich dachte nur gerade ... Nicht so wichtig.“

Sie wischte den Gedanken unwillig beiseite und konzentrierte sich wieder ganz auf Chevaliers Ausführungen.

*.*.*

Während der September weiter fortschritt, baute Famke ihr Wissen immer weiter aus. Sie lernte Beschwörungen, Bannsprüche und allerlei theoretisches Wissen über die Dunkle Seite. Insgeheim hoffte sie, dieses Wissen niemals anwenden zu müssen, aber es fiel ihr erstaunlich leicht, es zu lernen.

„Robert?“ Famke starrte aus dem Fenster, wo langsam die Sonne unterging. „Denken Sie eigentlich ...“ Es fiel ihr schwer, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Aber dann sah sie dem Ordensmann direkt ins Gesicht. „Denken Sie manchmal an Corbin? Ich meine, die Beschwörungen ...“

„Nein.“ Chevalier drehte ihr abrupt den Rücken zu und starrte seine Bücher an, die in langen Reihen in Regalen standen.

„Robert, wenn ...“, setzte Famke wieder an, aber der Belgier schüttelte nur kurz den Kopf.

„Famke, ich will über diesen ... Untoten nicht reden, verstanden?“ Seine Stimme war ungewohnt hart und Famke begriff schlagartig, dass sie besser den Mund hielt.

„Es tut mir leid“, murmelte sie, stand auf und packte ihre Notizen zusammen. „Ich gehe dann wohl besser.“

*.*.*

Seit Corbins Rückkehr war Famke nicht mehr in der Nähe des Anwesens gewesen. Die vorsichtigen Treffen, die es nach Corbins Rückkehr mit Gabe gegeben hatte, waren ein wenig eingeschlafen, aber sie beide begegneten sich freundschaftlich. Sie verbrachten die Mittagspausen zusammen und tratschten miteinander.

Sie war zwar vorbehaltlos bereit gewesen, Gabe und Bollhorn zu helfen, als die den Seelenfänger in die Vorhölle geschickt hatten, aber weiter konnte sie im Augenblick nicht gehen.

Gabe schien das zu wissen. Er sprach kaum von Corbin und er fragte nicht, warum sie ihn nicht besuchte.

Wie gerne hätte sie sich wenigstens mit dem Ordensmann über Corbin unterhalten! Sie hatten im letzten Winter etwas angefangen, etwas wirklich Großes, und jetzt würde Famke es gerne zu Ende führen. Das Gefühl war seit Corbins Rückkehr in ihr, was gewachsen und stärker geworden. Als sie erfahren hatte, dass er wirklich zurück war, nicht nur körperlich, sondern dass der Mann, den sie so gerne gehabt hatte, den Weg hierher zurückgefunden hatte, war etwas in ihr erwacht. Sie wusste, dass das Leben, das Corbin und Gabe zurzeit führten, im Grunde eine Farce war. Sie lebten aneinander vorbei, nicht in der Lage, das Leben des anderen wirklich zu teilen.

Und sie war höchstwahrscheinlich in der Lage, das zu ändern.

Nein, sie musste sich korrigieren: Sie war in der Lage, das zu ändern.

Nur hatte sie niemanden an ihrer Seite, mit dem sie darüber reden konnte.

Famke seufzte.

Bei der ersten Beschwörung im Winter war eine Menge schief gelaufen, das war unbestreitbar, aber Famke sah das inzwischen als eine Verkettung unglücklicher Umstände und nicht als etwas, das sie von der Sache an sich abhalten sollte.

Sie fühlte sich hin und her gerissen, das machte sie unleidlich.

*.*.*

Chevalier war ihr keine Hilfe, sie konnte den Belgier da verstehen. Er kämpfte schon zu lange gegen Dämonen, um das Aufflackern des Guten, was sie bei Corbin gesehen hatte, als wahrhaftig anzusehen. Ihn hatte der Wandel des Vampirs wahrscheinlich am wenigsten überrascht.

Famke ließen die Gedanken an Corbin und sein Schicksal nicht los, sie dachte in jeder freien Minute über ihn nach. Das brachte sie zu einem Entschluss: Sie würde mit Bollhorn reden.

Der Dämonenforscher war immerhin maßgeblich an der Rettung des Vampirs beteiligt gewesen. Famke wusste, dass er auch danach mit die Betreuung übernommen hatte. Er würde ihr eine Menge Fragen beantworten können, die sie Gabe so nicht stellen wollte.

Es war Samstag. Kurz entschlossen – ehe sie ihr Mut wieder verlassen konnte – setzte sich Famke ins Auto und fuhr raus zum Haus von Bollhorn.

Zeit, ein paar Fragen zu stellen.

*.*.*

Es war ein schöner Spätsommertag. Die Sonne schien warm vom Himmel, der mit Wattewölkchen geschmückt war.

Famke nahm das alles am Rande wahr, während sie ihr Auto abstellte und ausstieg.

Sie war einmal hier gewesen, zusammen mit Gabe, als der die verrückte Idee ausgebrütet hatte, Cathmore aus den Vorhöllen zu befreien.

Alleine der Gedanke hatte ihr irrsinnige Angst gemacht! Der Dämon hatte sie leiden lassen, hatte ihr Schmerzen und Demütigungen zugefügt.

Aber dann war am Ende doch Corbin zurückgekehrt, der nette Mann, den sie von Anfang an gemocht hatte. Es war so viel im letzten Jahr passiert! Nicht einmal zwölf Monate, die das Leben einer Handvoll Menschen vollkommen durcheinandergebracht hatten. Und nicht nur Menschen, auch zwei Dämonen und sogar ein Engel waren beteiligt gewesen.

War das jetzt alles vorbei? Mussten sie zur Normalität übergehen?

Die Frage konnte sich Famke nicht selbst beantworten, denn im Grunde wollte sie nicht, dass alles vorbei war. Und was konnte nach all dem schon noch Normalität sein? Sie konnten die Zeit nicht zurückdrehen, nichts ungeschehen machen.

Sie seufzte, schüttelte über sich selbst den Kopf und ging zur Tür, um zu klingeln.

Es dauerte nur einen Augenblick, dann öffnete ihr Thomas Bollhorn, ein Lächeln im Gesicht.

„Famke! Schön, dass Sie hier sind! Ich hatte eigentlich früher mit Ihrem Besuch gerechnet.“

„Bin ich so berechenbar, ja?“ Famke lächelte und folgte ihm ins Haus, als er zur Seite trat.

„Es ist eine Menge unausgesprochen geblieben.“ Bollhorn bat sie mit einer Handbewegung ins Wohnzimmer, wo die großen Flügeltüren zur Terrasse offenstanden und den warmen Wind hereinließen. „Auf beiden Seiten, denke ich.“

„Das kann sein.“ Famke sah sich wieder neugierig im Raum um, wie schon bei ihrem ersten Besuch. Die vielen Bücher faszinierten sie, teilweise sichtlich alt, schwer und in Leder gebunden. Was für Wissen in ihnen stecken musste!

„Darf ich Ihnen etwas anbieten? Tee? Kaffee?“

„Tee, bitte.“ Famke setzte sich und schenkte Bollhorn ein Lächeln.

Der ließ sie für eine Weile alleine, um in der Küche zu verschwinden, wo sie ihn hantieren hören konnte.

Wenig später zog der Duft von frischem Zitronengrastee zu ihr und Bollhorn stellte Augenblicke später ein Tablett auf dem Tischchen zwischen den beiden Sesseln ab, ehe er sich ebenfalls setzte.

„So, wo fangen wir an?“ Bollhorns Augen blickten Famke an, Lachfältchen umrahmten sie. „Was kann ich für Sie tun?“

„Ist es wirklich Corbin, der wieder da ist?“ Bisher hatte Famke selbst nicht gewusst, was sie eigentlich fragen wollte, aber jetzt kamen die Worte von ganz allein. „Der Corbin, den wir vor fast einem Jahr kennengelernt hatten?“

„Nein, der ist es nicht mehr. Er hat sich verändert. Sie müssen bedenken, dass er in der Vorhölle war. Und nach allem, was wir über diesen Ort wissen, läuft die Zeit dort ganz anders ab.“ Bollhorn goss ihnen beiden Tee ein. „Was hier ein halbes Jahr war, muss dort unermesslich viel mehr gewesen sein.“

„Okay, er ist also anders.“ Famke nippte an ihrem Tee. „Nachdenklicher, nehme ich mal an. Ernster, gereifter.“ Bollhorn nickte. „Aber er ist der gleiche Mann? Also mehr Mensch als Dämon?“

„Er hat seine Seele wieder. Die Seele, die Van Straaten für ihn ausgesucht hat.“ Bollhorn sah Famke forschend an. „Ich kann Ihnen keine Garantien geben, Frau Garrels! Ich selbst habe so etwas ebenfalls noch nie erlebt, das war alles absolutes Neuland für mich.“

„Aber Sie haben Corbin gesehen, haben ihn in den Wochen nach seiner Rückkehr beobachtet.“ Famke suchte für sich selbst einen Weg, sie wollte alles verstehen, alles wissen. „Ist es Corbin?“

„Ja, es ist Corbin“, bestätigte Bollhorn. „Es ist nicht Cathmore, falls das Ihre Befürchtung sein sollte. Er ist friedlich, er hat Gabriel erkannt, er versucht, sich wieder im Leben zurechtzufinden.“

„Was ist mit der Beschwörung, die wir durchgeführt hatten? Ist das noch wirksam?“ Famke hielt sich an ihrer Teetasse fest und ließ die Augen über die Buchrücken schweifen. „Wissen Sie das?“

„Er ist so zurückgekommen, wie er in die Vorhölle geschickt worden war.“

„Sie reden ziemlich schwammig, Herr Bollhorn!“, beschwerte sich Famke, aber ein Lächeln tanzte in ihren Mundwinkeln. „Kommen Sie schon! Reden Sie Klartext mit mir!“

„Ich war fasziniert, als ich damals über die Beschwörung gelesen hatte“, begann Bollhorn. „Es war extrem ungewöhnlich, aber alles an Corbin ist ungewöhnlich. Wenn man überlegt, dass sich ein Engel seiner angenommen hat ...“

„Ja, Van Straaten.“ Famke zog fröstelnd die Schultern hoch. „Haben Sie noch einmal von ihm gehört?“

„Nein. Er ist nach der Sache verschwunden, als wäre er nie hier gewesen.“ Bollhorn stand auf und griff ein Buch aus einem der Regale, um es aufzuschlagen. „Ich habe nachgeforscht und in alten Tagebüchern Aufzeichnungen über ihn gefunden. Er muss schon sehr lange unter den Menschen sein.“ Er grinste freudlos. „Offenbar müssen wir auch unsere Ansichten über Engel ziemlich revidieren, hm?“

„Ich hatte mir einen Engel wirklich ganz anders vorgestellt“, stimmte Famke mit einem Nicken zu. „Ich meine, als er gegen diesen Dämon gekämpft hat, da wirkte er eher so, wie man es erwartet hat, aber wenn er mit uns gesprochen hat ... Er war seltsam.“

„Hat er Ihnen Angst gemacht?“ Bollhorn sorgte sich offenkundig um Famke, aber die schüttelte den Kopf, ehe sie unbestimmt die Schultern hob.

„Ich war bei Robert, als er dort aufgetaucht ist“, füllte sie eine Wissenslücke des Ordensmannes auf. „Ich war schon sehr, sehr erstaunt, das muss ich sagen. Vielleicht noch mehr über Roberts Reaktion, denn ich hätte nicht gedacht, dass er sich an einer Rettungsaktion beteiligen würde.“

„Er hat das nicht für Corbin gemacht“, stellte Bollhorn ruhig fest. „Sondern für uns. Er wollte verhindern, dass wir riesigen Mist bauen.“

„Ich weiß.“ Famke nickte. „Er hat unglaublich abgeklärt reagiert, als Van Straaten aufgetaucht ist! Hat sich die Geschichte angehört, ohne sie in Frage zu stellen, und ist dann los.“

„Sie wollen Corbin immer noch menschlicher machen, nicht wahr?“ Der plötzliche Themenwechsel ließ Famke irritiert zwinkern. „Weiter machen, wo Sie aufgehört hatten?“

„Ich weiß es nicht genau“, gab Famke offen zu. „Ich versuche gerade für mich selbst herauszufinden, was ich eigentlich will. Ich weiß nur, dass ich ziemlich oft über Corbin nachdenke.“

„Es ist machbar, wenn das Ihre Frage an mich sein sollte.“ Bollhorn sah sie verschmitzt an. „Ich glaube, dass alles wieder beim Alten ist. Sozusagen zurück auf Null. Corbin ist mehr oder weniger genau so, wie er es vor dem Verlust seiner Seele gewesen ist. Er hat sicherlich Spuren davon getragen, aber das ändert nichts an ihm selbst, das sind lediglich Kratzer im Lack, um es mal so auszudrücken.“

„Meinen Sie wirklich?“ Famke sah erleichtert aus. „Sie halten ihn nicht für gefährlich? Ich meine, dass er vielleicht nur so tut, als wäre er ...“

„Nein, sicherlich nicht.“ Bollhorn schüttelte entschieden den Kopf. „Er war ein Wrack, als er wieder hier war. Gabriel hat sich gut um ihn gekümmert, Vivien und ich haben auf ihn aufgepasst, aber jetzt ist er wieder zurück. Ruhiger und schweigsamer als früher vielleicht, aber er ist wieder da.“

„Was ist mit Gabe?“ Unsicherheit schwang in Famkes Stimme mit. „Geht es ihm gut? Ist er glücklich? Was ist mit den beiden?“

„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.“ Bollhorn streckte eine Hand nach Famke aus, ohne sie allerdings wirklich zu berühren. „Es ist alles so, wie es sich Ihr Bruder erhofft hat. Sein Geliebter ist zurück.“

„Das ist schön.“ Famke flüsterte den Satz nur, Tränen in den Augen. Sie wusste genau, wie sehr Gabe unter der Vernichtung Corbins gelitten hatte. Er war beinahe daran zugrunde gegangen. Da war es wundervoll, dass wenigstens er wieder seinen Platz im Leben gefunden hatte!

„Wollen Sie mit den Beschwörungen weitermachen?“ Bollhorn riss sie aus ihren Gedanken. „Sie hatten Pläne für Corbin, richtig?“

„Ja, wir wollten weitere Beschwörungen durchführen.“ Famke nickte. „Dafür hatten wir ja das Lexikon vom Orden angefordert, das am Ende beinahe die gesamte Erde vernichtet hätte.“

„Es liegt inzwischen wieder beim Orden, nehme ich an.“

„Ja, das schon.“ Auf einmal blitzten Famkes Augen amüsiert. „Aber ich habe damals die Formeln kopiert, die wir benutzen wollten. Ich hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, dass alles vielleicht doch noch gut werden würde.“

„Nein, das darf man auch nie“, stimmte Bollhorn ernst zu. „Also wollen Sie weitermachen?“

„Ich bin mir nicht sicher.“ Famke seufzte tief. „Chevalier wird mir nicht helfen, da bin ich mir immerhin sicher. Und alleine bin ich dem nicht gewachsen. Außerdem weiß ich nicht, ob Corbin das überhaupt will. Und ...“

„Sie sollten sich zu allererst mit Corbin auseinandersetzen“, unterbrach Bollhorn sie freundlich. „Reden Sie mit ihm! Sehen Sie, ob Sie ihm noch vertrauen können. Wenn das so ist, wird sich alles andere finden, da bin ich mir sicher.“ Er zwinkerte ihr zu. „Notfalls bin ich ja auch noch da. Ich habe zwar ganz offenkundig nicht die Erfahrungen und das Wissen meines Kollegen, aber ich könnte Ihnen sicherlich zur Seite stehen.“

„Oh, vielen Dank!“ Famke schien diese Möglichkeit gar nicht in Betracht gezogen zu haben. „Dann ... sollte ich mit Corbin reden, denke ich.“

„Gut Entscheidung.“ Bollhorn grinste, dann trank er einen langen Schluck Tee.

 

2. Kapitel

Famke hatte sich selbst noch einen Tag Bedenkzeit gegeben.

Gut, es war eher ihre Angst, die sie zurückgehalten hatte. Sie hatte den ganzen Sonntag hin und her überlegt, ob sie sich wirklich zu Corbin trauen sollte. Sie hatte Angst vor ihm, das konnte und wollte sie nicht bestreiten.

Sie hatte den alten Corbin gemocht, sehr sogar. Auch das konnte sie nicht bestreiten. Sie hatte viel auf sich genommen, um ihm zu helfen. Damals im Winter, als sie ihn hatten menschlicher machen wollen, und auch zur Sommersonnenwende, als der Engel mit dem Seelenfänger in die Vorhölle hinabgestiegen war.

Sie wusste, dass sie hätte sterben können – oder Schlimmeres -, wenn Van Straaten versagt hätte.

Nicht, dass sie auch nur eine Sekunde an ein mögliches Versagen eines Engels geglaubt hätte! Engel waren stark und unfehlbar, und an diesem Glauben würde sie festhalten.

Diese Sichtweise half ihr schlussendlich auch dabei, sich für einen Besuch bei Corbin zu entscheiden. Der Engel hatte das Gute in Corbin gesehen, er hatte an ihn geglaubt, über den Verlust der Seele hinweg. Famke wollte das auch.

Dennoch stand sie nach der Arbeit ein wenig unentschlossen vor der Tür zu Corbins Anwesen.

Nichts erinnerte hier mehr daran, dass hier ein Kampf auf Leben und Tod zwischen einem geflügelten Dämon und einem Engel gewütet hatte. Dennoch hatte Famke sofort wieder die Bilder vor ihrem geistigen Auge, als sie den Vorgarten betrachtete. Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, wo die Mauer ausgebessert worden war, durch die der Asmodeus in seiner gnadenlosen Wut gebrochen war.

Hätte Vivien nicht so rasch gehandelt, wäre Corbin in der Sekunde verloren gewesen und zu Staub geworden, als er aus der Vorhölle zurückgekehrt war.

Aber dank der Hexe hatte er alles überstanden und war wieder da.

Corbin war wieder da.

Famkes Kopfhaut prickelte bei dem Gedanken und ihr Magen machte sich nervös bemerkbar.

Es würde noch eine Weile hell sein, ehe die Sonne gegen halb acht untergehen würde, dennoch ... Sie öffnete schließlich die Tür und trat ein.

„Oh, Besuch.“ Famke machte einen Satz zur Seite, als sie eine Stimme aus den Schatten der Eingangshalle ansprach. „Wie komme ich denn zu der Ehre, kleine Famke?“

„Oh Gott“, keuchte sie und presste eine Hand an die Brust. „Was ... du bist wach?“ Es war ihr anzusehen, dass sie Angst hatte, aber Corbin nickte nur langsam und musterte sie aufmerksam.

„Stell dir vor, ich wohne hier“, gab er mit gutmütigem Spott in der Stimme zurück. „Und manchmal bin ich sogar wach.“

„Aber es ist noch hell“, warf Famke ein, während sie sich langsam beruhigte. Solange sie im Sonnenlicht blieb, konnte Corbin ihr nichts tun.

„Ja, das ist wahr“, gab er nachdenklich zurück. „Aber ich schlafe nicht besonders gut in letzter Zeit. Weißt du, eine Menge Alpträume ...“

Famke konnte kein Selbstmitleid in seinem Gesicht sehen, nur das alte Bitten um Vergebung. „Ich bin hier, um ein paar Bücher zu holen“, erklärte sie ihren Besuch. „Sie sind damals hier liegen geblieben.“

Corbin nickte und wies wortlos mit dem Kopf auf die Bibliothek.

Famke betrat den Raum schnell. Corbin konnte ihr nicht folgen, der Raum war von Sonnenlicht durchflutet.

Als sie kurz darauf wieder auftauchte, saß er auf der Umrandung des Kamins, die Beine unterschlagen, und starrte die Tür an, durch die sie verschwunden war.

Famke hatte zwei alte Bücher unterm Arm und strich sich nervös die Haare hinter die Ohren. Eigentlich wollte sie gleich wieder gehen, aber dann ließ sie sich von Corbins Blick fesseln und trat noch einen Schritt auf ihn zu.

„Wie geht es dir?“ Sie ließ sich auf der anderen Seite des Kamins nieder, wo sie direkt in der Sonne saß, die durch die hohen Fenster hinein fiel. „Du lässt dich gar nicht blicken.“

„Hätte ich das tun sollen?“ Corbin hob amüsiert die Augenbrauen. „Hättest du mich denn sehen wollen?“

Famke seufzte. „Ich ...“ Sie brach ab und grinste schief. „Okay, du hast Recht: Ich hätte dich nicht sehen wollen, wenn ich ehrlich bin.“

„Ich bitte darum.“ Corbins dunkle Augen hielten sie gefangen. „Sei bitte immer ehrlich zu mir, Hexe!“ Er legte den Kopf ein wenig schief. „Können wir über alles reden und dann von vorn beginnen?“

„Reden?“ Famkes Stimme quietschte leicht. „Worüber?“

„Über alles, über das du reden möchtest.“

Famke lachte bitter auf. „Oh nein! Ich will nicht darüber reden! Hörst du?“

„Ja, ich höre dich sehr gut.“ Corbin legte den Kopf schief. „Ihr wollt das alles verdrängen, hm? Unter den Teppich kehren und hoffen, dass niemand jemals darüber stolpert.“

„Was willst du denn tun?“ Famke war unerwartet hitzig. „Willst du hier Psychoanalyse betreiben? Gruppensitzungen abhalten und das Problem so lösen? Es wegdiskutieren?“

„Es tut mir leid.“ Corbin breitete die Arme in einer großen Geste aus. „Ich bedauere, was passiert ist! Ich möchte euch um Verzeihung bitten. Ist das zu viel verlangt?“

„Nein.“ Famke sah ihn trotzig an. „Aber ... Ich versuche, das von dir zu trennen, verstehst du?“

„Ihr Sterblichen seid seltsam.“ Corbin schnaubte unwillig. „Gabe hat das ziemlich ähnlich ausgedrückt. Auch er will Cathmore um alles in der Welt von mir trennen.“

„Das wollen wir alle.“ Ganz leise. „Du bist Corbin, du bist gut, du bist mehr Mensch als Dämon.“

„Aber er ist in mir, Hexe.“ Corbin legte die Hand auf seine Brust, wo sein kaltes, totes Herz schlug. Er sah aus, als schmerzte es ihn. „Ich beherberge einen Dämon, und über weite Strecken meiner Existenz hat er mich beherrscht! Die Seele, die mir der Engel geschenkt hat, überdeckt ihn, aber sie kann ihn nicht auslöschen.“

„Das weiß ich.“ Famke hatte Tränen in den Augen. „Aber ich will euch nicht als Einheit sehen, versteh das doch! Wie soll ich denn wieder mit dir zusammen sein, wie soll ich deine Freundin sein, deine Vertraute, deine Hexe, wenn ich immer daran denken muss, dass du mir das angetan hast?“

„Es tut mir unendlich leid.“ Corbin streckte wieder eine Hand nach Famke aus und berührte sie diesmal tatsächlich, auch wenn er dem Tageslicht damit gefährlich nahe kam. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich das bedauere! Ich verabscheue mich selbst dafür, aber ich kann es nicht ungeschehen machen.“ Er hob die Hand und legte sie an Famkes Wange, die sich automatisch vorbeugte, damit sie aus dem Sonnenlicht war. „Aber es ist so sehr Teil von mir, ich erinnere mich an alles sehr genau. Ich war es, Kleines! Ich habe das getan. Es mag sein, dass es meine dunkle Seite war, so wie bei Jekyll und Hyde, aber ich bin dafür ebenso verantwortlich, wie das Böse in mir. Denn wir sind eins. Und das ist nicht trennbar. Der Engel vermag es nicht, und du auch nicht.“

Eine einsame Träne rollte über Famkes Wange, aber Corbin wischte sie fort, ehe sie ihren Mundwinkel erreichen konnte.

„Ich vermisse euch als meine Freunde“, sagte er leise. „Ich ergehe mich hier in Einsamkeit, die mich aber nicht weiter bringt. Sie läutert mich nicht, sie schmerzt mich nur, ohne euren Schmerz zu lindern.“

„Oh, Corbin!“ Famke schmiegte ihr Gesicht an seine Handfläche und schloss die Augen. „Du fehlst mir auch!“

„Dann lass es uns noch einmal versuchen.“ Corbin schenkte ihr ein kleines Lächeln. „Lass mich versuchen, dir wieder ein Freund zu sein.“

„Dann versprich mir, nie wieder über diese Sache zu reden“, bat sie ihn inbrünstig.

Corbin nickte, ehe er ihr einen sachten Kuss zwischen die Augenbrauen gab.

„Alles, was du willst“, murmelte er.

Als Famke das Anwesen wieder verließ, sang ihr Herz fröhliche Lieder.

 

3. Kapitel

„Hey! Na, wie war dein Tag?“ Gabe verbrachte die meisten Abende mit Corbin zusammen, denn das war die einzige Zeit des Tages, die sie beide miteinander teilen konnten. Der Vampir war nach wie vor ein Geschöpf der Nacht und Gabe musste nach wie vor tagsüber für seinen Lebensunterhalt arbeiten. Er hätte es auch gar nicht anders gewollt.

„Ungewöhnlich.“ Corbin grinste und gab seinem Geliebten einen sachten Kuss. „Ich hatte Besuch.“

„Besuch?“ Gabe klang nicht erfreut, aber Corbin nickte.

„Famke war hier“, berichtete er. „Die Kleine hat sich tatsächlich hergetraut! Ich habe mich wirklich darüber gefreut.“

„Wow.“ Gabe ließ sich auf einen Sessel im Musikzimmer fallen. „Na, das wundert mich jetzt aber! Mir geht sie mehr oder weniger aus dem Weg.“

„Ja, das glaube ich.“ Corbin schenkte ihnen beiden einen Drink ein. „Sie hat eine Menge zu verarbeiten, nicht wahr?“

„Was denkst du, kommt das alles wieder in Ordnung?“ Gabe fuhr sich mit einer Hand in die Haare und strich sie aus der Stirn.

„Famke will das auf jeden Fall.“ Corbin wurde auf einmal unerwartet ernst. „Ich glaube, sie will noch viel mehr als die Freundschaft erneuern.“

Gabe kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Was meinst du?“, fragte er.

„Sie ist eine Hexe.“ Corbin zuckte die Schultern. „Was denkst du, was sie will?“

„Ich habe keine Ahnung!“, brauste Gabe auf, aber Corbin wusste, das stimmte nicht. Er kannte seinen Geliebten gut genug – der konnte sich sehr gut vorstellen, was in Famkes Kopf vor sich ging.

Corbin konnte Gabes Sorgen und Zweifel regelrecht riechen. Er würde den Teufel tun, das Gespräch jetzt zu vertiefen!

Viel zu sehr genoss er die Spätsommerabende, wenn Gabe endlich zur Ruhe kam, wenn der seine Arbeit abstreifen konnte.

Im ersten Teil ihrer Beziehung war er – Corbin – die interessante Person gewesen, er hatte ein aufregendes Leben geführt.

Aber jetzt war er selbst zum Eremiten geworden, wohingegen Gabe mitten im Leben stand. Es war für ihn schwer, diesen Rollenwechsel zu akzeptieren.

Diese Veränderung zog sich aber durch ihr gesamtes Leben, was Corbin hingegen gar nicht so gefiel: In ihrer verhängnisvollen Liebesnacht im letzten Winter war Gabe der aktive Part gewesen, hatte der Sterbliche versucht, auf eine fast konventionelle Art Liebe zu machen.

Jetzt hingegen ließ er sich auf den passiven Teil ein und Corbin genoss das! Er hatte kein Interesse an Dominanz, das hatte er lange hinter sich gelassen. Aber es lag ihm viel daran, seinen menschlichen Geliebten in die Geheimnisse dieser Liebesspiele einzuweihen.

Statt sich weiter in Diskussionen zu ergehen, zog er Gabe sachte mit sich ins Schlafzimmer, wo sie sich unter Küssen gegenseitig der Kleidung entledigten.

Als sie schließlich nackt waren, drängte Corbin Gabe rücklings auf das Bett und beugte sich weit über ihn, so dass sein muskulöser Oberkörper den ebenso wohlgeformten Brustkorb seines Geliebten bedeckte. Er küsste sich vom Ohrläppchen über den Hals, liebkoste die Schlagader so sachte wie nur möglich mit den Fangzähnen und spürte dem wohligen Schauer nach, der Gabe überkam.

Der Mensch hatte die Augen geschlossen, stumm genießend. Corbin schob seine Hand über Gabes angenehm behaarte Brust, über den Bauch, liebkoste mit den Fingern den Bauchnabel und glitt tiefer.

Gabe keuchte vor Erwartung, aber Corbin enttäuschte das direkte Verlangen. Statt die Hand auf den Unterleib seines Geliebten zu legen, wich er dem erregten Glied aus und strich den haarigen Oberschenkel entlang.

Gabe knurrte unwillig, ließ sich aber weiter streicheln.

Corbins Küsse verlagerten sich tiefer, vom Hals zur Brust. Auch seine Hand glitt tiefer, bis zu Gabes Kniekehle, die er sachte reizte. Gabe stöhnte zur Belohnung leise. Corbins Fingernägel auf Gabes Kniescheibe ließ den erschaudern, aber Corbins Finger befanden sich schon wieder aufwärts, diesmal an der Innenseite des Oberschenkels entlang.

Gabe spannte sich an, als Corbins Fingerspitzen nur noch Millimeter von seinem Schritt entfernt waren ...

... und dann ansatzlos den Schenkel wechselten, um auf dem anderen Bein wieder nach unten zu gleiten.

Dennoch war keine Spur von Unwillen in Gabes Gesicht, als Corbin kurz zu ihm sah.

Er ließ sich Zeit, die Schenkel seines Geliebten zu liebkosen, ehe seine Fingerspitzen zart wie die Berührung eines Schmetterlings in seinen Schritt flatterten. Gabe keuchte auf und drückte sich ihm entgegen.

Corbins Berührung wurde fester, deutlicher. Seine Fingerkuppen von Zeige- und Mittelfinger übten Druck auf Gabes Damm aus, massierten dessen Schwellkörper und verstärkten somit seine Erektion.

Gabe stöhnte guttural.

Corbin küsste den Bauch des Sterblichen, ließ die Zunge um den Nabel spielen. Seine Fingerspitzen glitten tiefer, berührten das weiche Muskelfleisch, das sich sofort zusammenzog.

Gabe keuchte und riss die Augen auf – er war diese Berührungen noch nicht gewohnt.

Corbin beugte sich tiefer, hinterließ mit der Zunge eine feuchte Spur auf Gabes Bauch und berührte dann sachte, kaum merklich dessen Eichel.

Gleichzeitig bahnten sich seine Fingerspitzen ihren Weg durch Gabes Eingang, bogen sich sanft nach oben und begannen, den empfindlichsten Punkt seines Geliebten zu massieren.

„Was tust du?“ Pure Verblüffung war in Gabes Stimme, die Augen weit aufgerissen, den Körper steif vor Spannung. Als Corbin nicht antwortete, sondern vielmehr Gabes Penis weiter in den Mund nahm und seinen Druck in dessen Unterleib kreisend verstärkte, fragte Gabe nicht weiter, sondern krallte die Finger in die Laken und ließ sich mit einem langen Stöhnen fallen.

*.*.*

Corbin war oft unterwegs, durchstreifte die laue Nacht und betrachtete das Leben der Menschen von außen.

Seit Famke bei ihm gewesen war, hatte er ein Ziel. Er kümmerte sich nicht mehr um Fremde, sondern betrachtete Famke. Er wollte mehr über sie erfahren, wollte ihr wieder näher kommen, als er es früher vielleicht gewesen war.

Auch in dieser Nacht stand er vor ihrem Fenster, betrachtete sie, wie sie auf der Couch saß, die Beine an den Körper gezogen.

Aber heute wollte er nicht nur gucken, sondern klopfte sachte an die Terrassentür.

„Famke?“ Er machte sich vorsichtig bemerkbar und der leichte Wind trug seine Stimme durch das geöffnete Fenster nach drinnen.

Famke hob den Kopf, brauchte aber einen Moment, bis sie ihn draußen in der Dunkelheit entdeckte. Im ersten Augenblick war ihr Gesichtsausdruck nicht zu deuten, dann erschien ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht und sie stand auf.

Sie trat wortlos an die Terrassentür, öffnete sie und blieb dann darunter stehen. Ihre Augen ruhten auf Corbin, schienen in ihn hineinsehen zu wollen. Er fühlte sich unwohl unter diesem Blick, hielt ihr aber stand.

„Was willst du hier?“ Die Worte waren unfreundlich, aber ihre Stimme war weicher, als Corbin es erwartet hatte.

„Ich war gerade in der Gegend“, erklärte er mit einem Schulterzucken. „Da habe ich bei dir noch Licht gesehen und dachte, ich sage mal eben guten Tag.“

Famke lachte leise. „So, du warst also zufällig in der Gegend“, wiederholte sie, wobei ihre Zähne zu klappern begannen. In den Nächten spürte man den nahenden Herbst deutlich. „Nun, dann komm doch für einen Moment rein, ehe ich mir eine Erkältung hole.“

Corbin folgte der Aufforderung nur zu gerne und schloss die Tür hinter sich, während sich Famke wieder auf die Couch setzte.

„Du gibst einfach so dieses Refugium auf?“ Corbin blieb einen Moment unentschlossen mitten im Raum stehen, dann ging er vor Famke in die Hocke, die Hände ineinander verschränkt.

„Wenn du noch einmal zu Cathmore mutierst, ist eh alles verloren.“ So abgeklärt kannte Corbin Famke nicht und er legte den Kopf schief, um sie forschend zu betrachten.

„Dann ist eh alles verloren“, murmelte er. „Was sagt mir das jetzt? Vertrauen wir?“

„Was bleibt uns anderes übrig?“ Famke zuckte die Schultern. „Ich habe im letzten Jahr eine Menge gelernt, weißt du?“

„Ich weiß vor allem, dass du viel abgeklärter und erwachsener geworden bist.“ Corbin griff sie sachte an den Schultern. „Ich weiß bloß nicht, ob mir das gefällt.“

„Ich bin kein Kind mehr, Corbin.“ Famke lächelte freudlos. „Ich mag wie ein Mädchen aussehen, aber ich bin schon länger erwachsen.“

„Es tut mir leid.“ Corbin lehnte seine Stirn gegen ihre, als Famke näher kam. „Es tut mir alles so leid.“

„Das macht es nicht ungeschehen.“ Aber das sagte sie nicht hart, sondern als bloße Feststellung. „Wir alle müssen damit leben und wir alle müssen weitermachen.“ Jetzt lächelte sie sogar. „Wie geht es Gabe?“

„Gut, sehr gut sogar.“ Corbin ließ sich auf dem Hosenboden nieder, die Handgelenke auf die angezogenen Knie gelegt. „Er ist glücklich, hoffe ich.“

„Das ist gut.“ Famke sah Corbin traurig an. „Er hat sehr gelitten, nach der Sache zu Weihnachten! Er war schließlich derjenige, der dich getötet hat.“

„Alles gleicht sich unterm Strich irgendwo aus.“ Corbin rieb sich durchs Gesicht. „Wir haben alle unsere Wunden davongetragen, denke ich. ... Wie geht es Chevalier?“

„Er versucht, dich aus dem Gedächtnis zu löschen“, gab sie zurück und erwiderte Corbins Blick. „Ich denke, er ist immer noch ziemlich sauer auf dich.“

„Das kann ich verstehen“, seufzte Corbin unglücklich. „Ich wünschte, ich könnte das alles ungeschehen machen. Und ich wünschte, ich könnte den Schmerz lindern, den ich dir zugefügt habe.“

„Das kann keiner von uns.“ Famke sah ihn ungewohnt hart an. „Wir alle müssen mit der Vergangenheit leben. Ich denke, das weißt du selbst am besten, oder nicht?“

„Ja, wahrscheinlich.“ Corbin seufzte tief. „Nur bisher war es nie wichtig. Menschen waren mir nie wichtig.“

Statt einer Antwort strich ihm Famke sachte über die Wange.