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"Im Zwielicht der Erinnerung"

 

»Dr. Jessica Geiger arbeitet als Ärztin in Torch View, einem Gefängnis der mittleren Sicherheitsstufe.

Als der Gefangene Ethan Jones zu ihr gebracht wird, hat er von Anfang an ihre volle Aufmerksamkeit: Jones wurde gerade aus Sunbury verlegt und kam zerschlagen und mit einer offenkundigen Kopfverletzung in Torch View an.

Jessica versucht nicht nur, seine Wunden zu heilen, sondern auch hinter das Geheimnis zu kommen, das den Gefangenen umgibt.

Wer hat ihn so schwer zusammenschlagen lassen – und warum? «

 

 

Auszug aus dem 1. Kapitel

 

Freitag

21. Oktober 2005

Torch View war ein Gefängnis der mittleren Sicherheitsstufe mit einem angegliederten Hochsicherheitstrakt - zurzeit warteten drei zum Tode Verurteilte auf ihre Hinrichtung. Die übrigen Insassen bildeten Diebe, Betrüger und Vergewaltiger.

Es war ein alter, schöner Gebäudekomplex aus gelbem Backstein mit Türmchen und Schmuckornamenten an der Fassade.

Das Wachpersonal bestand durchweg aus Männern, keiner jünger als dreißig. Hierher schickte man nicht das ‚Frischfleisch’, sondern erfahrene Leute. Sie mussten in der Lage sein, sich auch ohne Waffengewalt Autorität zu verschaffen - eine Eigenschaft, die im Inneren der Zellenblocks überlebenswichtig war.

Der Verwaltungstrakt hatte einen separaten Eingang, aber die Krankenstation samt Ambulanz lag inmitten des Gebäudekomplexes. Das bedeutete für Dr. Jessica Geiger, dass sie jeden Morgen und jeden Abend durch einen Tunnel aus Gittern und Stacheldraht musste, auf beiden Seiten von weggesperrten Männern begafft. Das konnte bisweilen recht anstrengend sein.

Die Gefängnisse erfreuten sich nicht gerade eines regen Personalzulaufs, weswegen es kein Problem gewesen war, den Posten direkt nach ihrer Assistenzarztzeit im Krankenhaus zu bekommen. Jessica hatte unbedingt mit Menschen arbeiten wollen, die sie dringend brauchten. Ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, was hinter den Gefängnismauern wirklich auf sie wartete.

Jessica war niemand, der sich einfach davor drückte. Sie ging jeden Morgen zur Arbeit, setzte sich den geilen Blicken und Kommentaren der Männer aus und versorgte sie, so gut sie es eben konnte.

Bei ihrer Arbeit hatte sie es nur selten mit direkter Anmache zu tun, obwohl sie bei den Untersuchungen mit den Männern allein war. Jessica hatte darauf bestanden, dass der Wärter draußen wartete, damit die Gefangenen offen mit ihr reden konnten.

„Schönes Kind! Komm her, schönes Kind!“ Das war einer der Männer, der jeden Morgen auf sie wartete. Jessica sah ihn nicht einmal aus den Augenwinkeln an, sondern ging mit festem Schritt weiter, was ihren Pferdeschwanz hinter ihr wippen ließ.

Sie war zweiunddreißig Jahre alt, einen Meter fünfundsiebzig groß und schlank, jedoch an den richtigen Stellen wohlgerundet. Ihre kupferroten Haare reichten ihr in weichen Locken bis unter die Rippen, aber bei der Arbeit trug sie immer einen geflochtenen Zopf, der ihr eine Menge der aufregenden Weiblichkeit nahm. Ihre grünen Katzenaugen verbarg sie hinter einer Brille, die sie nicht brauchte. Hier war es besser, möglichst wenig attraktiv zu sein.

Über einer Jeans und einem schlichten Shirt trug sie einen weißen Kittel, und wenn sie auf Station war, baumelte in der Regel ein Stethoskop um ihren Hals, wie sie es aus dem Krankenhaus gewohnt war.

„Morgen, Lissy!“, grüßte sie ihre Sprechstundenhilfe, als sie die Station betrat und sich erst einmal einen Kaffee nahm. „Wie sieht`s heute Morgen aus?“

„Ganz gut.“ Lissy Graden war eine füllige Farbige Mitte vierzig, burschikos, aber liebenswert. Sie blätterte kurz durch ein paar Zettel. „Die üblichen Verdächtigen an einem Freitag. Ansonsten ... Wir bekommen heute ein paar Neuzugänge. Vielleicht musst du dir den einen oder anderen ansehen.“

„Alles klar.“ Jessica nickte und zog sich in ihr Sprechzimmer zurück, das im Grunde ein kühler Untersuchungsraum war. Allerdings groß und hell, denn eine Reihe - vergitterter - Fenster gingen zum Hof, weitere Fenster auf den Gang, sodass man sie ständig im Blick hatte, wenn sie in einer Untersuchung war.

Die ‚üblichen Verdächtigen an einem Freitag’ waren Jessicas Stammpatienten, die regelmäßig zu ihr kamen, weil sie entweder dauerhaft Medikamente brauchten, oder weil sie regelmäßig untersucht werden mussten.

Das waren eine Handvoll Männer, und sie alle waren pflegeleicht, sodass sie die Gefangenen einen nach dem anderen freundlich abfertigte, ehe sie sich ans Fenster stellte und auf den Hof unter ihr sah.

Sie hatte einen Blick auf die große Rasenfläche im Innenhof des Gefängnisses, die in zwei ungleich große Bereiche aufgeteilt worden war - der größere für die ‚normalen’ Insassen, der kleinere für die aus dem Todestrakt.

Aber auch der größere Bereich des Hofes teilte sich in mehrere kleine auf: In der einen Ecke bei den Fitnessgeräten die Farbigen, auf der Tribüne bei den Basketballplätzen die Neonazis, hinten die Schieber und Mafiosi ...

Nach einer Weile lernte man die Gruppen zu unterscheiden, und Jessica wusste bisher noch nicht, welche von ihnen ihr sympathischer war. Es war erschreckend, dass in einem eigenen, winzigen Universum wie einem Gefängnis die gleichen, lächerlichen Kriege wie draußen geführt wurden: Schwarze gegen Weiße, Christen gegen Juden, Moslems mal ganz außen vor gelassen.

Und wirklich alle da unten hatten eine Macke, wenn man ehrlich war. Auch wenn man an die Rehabilitation an sich glaubte, so wie Jessica - anders würde sie die Arbeit hier kaum aushalten.

Ganz am Rand ihres Blickfeldes befand sich die breite Einfahrt, durch die alle Transporte ins Gefängnis gelangten. Dort entstand jetzt Bewegung - die Neuen kamen an.

„Mal sehen, ob sie was für uns haben“, murmelte Jessica und sah sicherheitshalber schnell ihre Bestände an Medikamenten und Verbandsmaterial durch - man erlebte hier drin nicht gerne Überraschungen.

*.*.*

„Okay, alle Mann raus! Antreten!“ Die Stimme von Captain Wayne Marrick dröhnte durch den kleinen, hohen Innenhof, in den der Transporter gefahren war. Die Männer beeilten sich, diesem Befehl Folge zu leisten. Die meisten von ihnen hatten Erfahrung mit diesen Dingen, denn es war ein Verlegungstransporter, der aus verschiedenen anderen Gefängnissen Insassen aufgesammelt und hierher gebracht hatte. „Dann rein mit euch!“

Die Männer wurden in ein angrenzendes Gebäude getrieben, und nur wenige Minuten später standen ein Dutzend Männer in einer mehr oder weniger geraden Reihe an einer gelben Linie. Sie alle hatten eine kleine Tasche mit ihren persönlichen Dingen bei sich, und sie alle mussten jetzt in Vierergruppen in den nächsten Bereich vorrücken.

Hier gab es kleine Kabinen, die im Grunde nur mit halbhohen Trennwänden voneinander abgeteilt waren - im Gefängnis legte man keinen Wert auf Intimsphäre. Dort mussten sich die Männer ausziehen, während ein Wärter ihre Habseligkeiten durchsuchte, bevor es eine sehr, sehr gründliche Leibesvisitation gab.

„Oh Mann!“ Einer der Wärter hatte schon beim Eintreten ‚seines’ Gefangenen ein mulmiges Gefühl bekommen, denn der große, dunkelhaarige Mann hatte ganz eindeutig ein Veilchen und einen dicken Bluterguss im Mundwinkel, der nicht von seinem Vollbart verdeckt wurde. Außerdem einen weiteren großen an der Schläfe. Und als er sich jetzt bis auf die Unterhose ausgezogen hatte, konnte er neben zwei Tätowierungen auch diverse, wirklich böse aussehende Hämatome auf dem Körper entdecken, auf den Rippen, den Nieren, dem Bauch, den Oberschenkeln, und einen hoch oben zwischen den Schulterblättern, eigentlich schon im Nackenansatz.

Aber er sagte nichts weiter dazu, sondern ließ den Mann die Arme heben, tastete die Achselhöhlen und die Haare ab, dann musste der Gefangene auch noch die Unterhose ausziehen, denn auch sämtliche Körperöffnungen wurden untersucht.

Schließlich war das beendet, der Gefangene bekam einen Stapel Gefängniskleidung in den Arm gedrückt und wurde mit den anderen Neuankömmlingen zum Duschen geschickt.

Danach ging es zur Aufnahme in die Verwaltung, und auch hier saßen wieder Wärter, die neue Akten anlegten.

„Du solltest die Prozedur ja kennen, Ethan.“ Ein dicker, gemütlicher Wärter nahm an dem kleinen Tisch Platz, wo der Mann mit den Blutergüssen saß und ihn fast kindlich erschrocken ansah. „Nicht zum ersten Mal, hm? Geburtstag? Ah ja, zwölfter Oktober 1968 ... Haben dir die Jungs `ne Party geschmissen?“

Der Gefangene sah ihn verständnislos an. „Letzte Woche war mein ... mein ...“, setzte er dann an.

„Geburtstag. Ja, ich weiß. Wollte nur wissen, ob ...“ Der Wärter schüttelte den Kopf. „Wo lebst du?“

„Zu Hause.“ Das klang ehrlich entrüstet und ließ den Wärter die Stirn runzeln.

„Werd nicht komisch, Junge!“, warnte er ihn. „Deine letzte bekannte Adresse war Harlington Road in Sydney, Australien?“

Der Blick aus den braunen Augen des Gefangenen konnte am ehesten als verzweifelt gedeutet werden.

„Also lebst du immer noch in Sydney“, trug der Wärter in sein Formular ein - es war eh vollkommen ohne Bedeutung. „Sonst irgendwelche Änderungen?“

Der Blick blieb unverändert - der junge Mann begriff gar nichts.

„Okay ...“ Langsam wurde das dem Wärter unheimlich. „Irgendwelche Drogen- oder Alkoholprobleme? Irgendwelche Probleme?“

„Der Vater meiner ... Groß...mutter war ... sie hieß Mary ...“, stammelte der Gefangene, und der Wärter zog die Augenbrauen hoch.

„Willst du mich verarschen?“, fuhr er ihn an, bekam dafür aber einen regelrecht entsetzten Blick und ein leichtes, kaum wahrnehmbares Kopfschütteln. „Gut.“

„Ich ... ich will nicht ... Ähm ...“ Der Gefangene verdrehte die Augen, während er nach Worten zu suchen schien. „Mein Kopf ...“ Er warf einen Blick um sich, bis seine Augen an den Akten auf dem Tisch hängen blieben. „... alles da drin.“

„Oh, dein Kopf ist da drin!“ Inzwischen redete der Wärter mit ihm, wie mit einem Idioten, aber er nahm den Aktendeckel auf. „Okay!“

„Manchmal ... kann ich ... die ...“ Er seufzte tief. „Kann ich ... ich`s nicht richtig.“

„Du musst einen Arzt sehen, Junge!“ Der Wärter schüttelte den Kopf und machte einen entsprechenden Vermerk in der Akte. „Dringend! Okay?“

Der Gefangene nickte nur schwach.

„Okay. Das ist für dich zum Lesen“, machte der Wärter deswegen weiter und drückte ihm eine Kopie der Hausordnung in die Hand. „Sollte all deine Fragen beantworten.“

Der Gefangene starrte auf die Kopie, sein Mund schien Worte formen zu wollen, dann sah er den Wärter mit diesen verzweifelten Augen an.

„Du kannst doch lesen, Junge?“, fragte der ihn sachte, verdrehte die Augen und nahm ihm die Kopie aus der Hand. „Oh Mann!“ Aber dann las er ihm die Hausordnung vor, langsam und deutlich - er mochte den jungen Mann.

*.*.*

Draußen wurde es schon langsam dunkel, eine weitere windige Oktobernacht dämmerte heran. Im Untersuchungszimmer brannte grelles Neonlicht.

„Ethan Jones, ja? Neuzugang ...“ Jessica schlug den Aktendeckel auf und überflog die oberste Seite. „Ist er schon drin?“

„Ja, wartet schon“, sagte Lissy, und Jessica betrat den Untersuchungsraum.

„Hi, Ethan. Ich bin Dr. Jessica Geiger“, stellte sie sich beim Hereinkommen vor, und der junge Mann stand vom Stuhl auf.

Er war groß. Das fiel ihr als Erstes auf, noch ehe sie ihm ins Gesicht gesehen hatte - sie schätzte ihn auf gute einsneunzig.

Aber dann sah sie ihm ins Gesicht, und für den Augenblick war die Akte vergessen.

„Oh je!“ Sie schüttelte den Kopf, denn die Blessuren waren wirklich nicht zu übersehen! „Ethan, würden Sie sich bitte ausziehen? Ich möchte Sie mir genauer ansehen, wenn Sie mir das gestatten.“

Er antwortete nicht, nickte aber leicht und begann dann auch schon, das blaue Hemd von den breiten Schultern zu streifen. Er trug ein weißes Unterhemd darunter, und noch während er das langsam und vorsichtig abstreifte, konnte Jessica eine erste Bestandsaufnahme machen.

Er war breitschultrig und durchtrainiert, die Muskeln am gesamten Oberkörper waren sehr gut definiert, der Bauch bildete einen schönen Sixpack. Aber das war es nicht, was ihre Blicke anzog, und auch nicht der große Drachenkopf auf seiner Oberarmkugel oder das Stacheldrahtarmband um den Bizeps des anderen Arms - es waren die Blutergüsse.

„Okay ...“, sagte sie gedehnt und trat näher an ihn heran, um eine Hand nach ihm auszustrecken. „Kommen Sie bitte ein paar Schritte hier rüber, ja?“

Ethan tat, wie ihm geheißen, wobei er sie nicht einmal ansah.

Jessica trat zuerst hinter ihn, und ihre kühlen, behandschuhten Hände fuhren seinen Nacken hinauf bis zum Ansatz des Schädels, was ihn zusammenzucken ließ. Aber er hielt wortlos still, und Jessica prüfte die Beweglichkeit des Nackens, tastete ziemlich fest die Blutergüsse im Schulterbereich ab und strich dann über die Rippen, auf der Suche nach Brüchen. Dann fuhr sie die Wirbelsäule entlang nach unten und widmete sich den Nieren. Auch hier zuckte er zusammen, ließ aber keinen einzigen Laut hören, was ihr einen Stich versetzte - diese Männer hatten gelernt, ihren Schmerz für sich zu behalten.

Ihre Hände strichen über seine Arme, sie umrundete ihn und tastete die Schlüsselbeine ab. Als ihre weichen Frauenhände über seine Brustmuskeln fuhren, konnte sie zum ersten Mal eine Reaktion von ihm erkennen: Seine Augen wurden groß, er unterdrückte einen Laut, den sie für ein leises Stöhnen hielt.

Auch von vorne untersuchte sie seine Rippen, hatten sie doch offenkundig ein paar schwere Schläge einstecken müssen. Dann bat sie ihn, sich auf die Untersuchungsliege zu legen, denn sie wollte sich die Prellung auf dem Bauch genauer anzusehen.

Dabei blieb ihr nicht die Reaktion des schweigsamen Gefangenen auf ihre Untersuchung verborgen. Sie versuchte krampfhaft, ihm nicht auf den Unterleib zu sehen, aber das gelang ihr kaum - die Gefängnisunterhosen verbargen nicht viel.

„Es ... es ... tut mir ... leid ... Ma`am!“, stammelte er eine Entschuldigung, aber Jessica schüttelte den Kopf, während sie ihn mit einer Handbewegung bat, sich aufzusetzen, damit sie seine Gesichtsverletzungen untersuchen konnte.

„Wie oft werden Sie von einer Frau angefasst, hm?“, wollte sie mit leiser Stimme wissen und schenkte ihm ein Lächeln. „Es ist eine normale Reaktion, machen Sie sich bitte keine Gedanken.“

Sie untersuchte ihn zu Ende, dann erlaubte sie ihm, sich wieder anzuziehen, ehe sie sich an dem kleinen Tisch gegenübersaßen und sie in seiner Akte blätterte.

„Sie sind Australier, steht hier“, begann sie, und sah ihm ins Gesicht - er hatte ein hübsches Gesicht, mit einer schmalen Nase, ausgeprägten Wangenknochen und dunklen, sehr schönen Augen. „Siebenunddreißig Jahre alt ... Oh, Sie hatten letzte Woche Geburtstag! Meinen Glückwunsch!“

„D...d...danke.“ Er sah mit diesem Blick um zehn Jahre jünger aus, fand Jessica.

„Neun Jahre wegen Raub ...“, las sie deswegen weiter in der Akte. „Sieben davon abgesessen ... Hochsicherheitsgefängnis? Warum das denn?“ Sie blätterte um und legte dann die Akte beiseite. „Okay, Ethan. Ich habe hier ein paar Tests, um herauszufinden, was genau mit Ihnen nicht stimmt. Können Sie mir die oberste Zeile laut vorlesen?“ Sie gab ihm ein Büchlein mit ausgesprochen großer Schrift in die Hand.

Einen Augenblick starrte er das Buch an, dann sie. „Jetzt?“ Selbst das klang gequält.

„Wenn Sie soweit sind“, sagte sie deswegen auch nur, und er blickte auf den Text.

„N...n...niemand ... w...wusste ... warum ... Joe ... h...her...hergek...kommen war.“

Eine wahre Kraftanstrengung, das konnte ihm Jessica ansehen, und es machte ihr Sorge, wenn sie ehrlich war. „Lesen Sie bitte weiter“, bat sie ihn deswegen halblaut.

„Vielleicht ... w...w...war er ... hier ... w...w...wegen ... wegen ...“ Ethan atmete einmal tief durch und ballte die linke Hand langsam zur Faust. „Vielleicht war er ... hier ... wegen ... wegen ... Oh Scheiße!“

„Lassen Sie sich Zeit!“ Jessica musste dem Impuls widerstehen, ihre Hand auf seine zu legen, während sie aus den Augenwinkeln Lissy hinter der Scheibe zum Flur wahrnahm.

„Nein!“ Das war wütend, aufbrausend, entrüstet. „Ich kann nicht ...“ Er würgte regelrecht an den Lauten, und seine Hände vollführten eine Geste, die deutlich das Hervorbringen von Wörtern andeutete.

„Entspannen Sie sich, wir haben keine Eile“, ließ ihn Jessica freundlich wissen.

Ethan atmete einmal tief durch, schloss für einen Augenblick die Augen und versuchte es dann erneut. „Vielleicht war er hier ... wegen ... wegen ... Geld! Geld!“ Das stieß er regelrecht hervor, und um seine geschundenen Lippen tanzte ein winziges Lächeln.

„Genau.“ Jessica erwiderte es. „Das Letzte, was Sie vergessen sollten, hm?“ Die Bemerkung konnte sie sich nicht verkneifen, aber er lächelte immer noch.

„Ja“, bestätigte er und zog die Augenbrauen hoch.

„Ich habe da noch mehr Tests“, machte Jessica weiter, nahm das Buch wieder an sich und stellte eine kleine Kiste Bauklötze auf den Tisch. Sie legte ein einfaches, symmetrisches Muster auf den Tisch und sah ihn dann an. „Können Sie das bitte für mich nachmachen, Ethan?“

Der sah sie an, als hätte sie von ihm verlangt, auf dem Mond spazieren zu gehen, aber er versuchte es dennoch.

Sein Gesicht verriet die Konzentration, die Anstrengung, mit der er versuchte, diese vollkommen simple Aufgabe zu lösen, und Jessica bot ihm immer wieder - passende und nicht passende - Steine an, die er auch brav einzubauen versuchte, aber schlussendlich musste er aufgeben.

„Okay, in Ordnung“, sagte sie aber nur und räumte die Steine weg. „Ethan, ich möchte, dass Sie diese Murmel in die Flasche hineintun. Können Sie das für mich tun?“

Er sah sie einfach nur wortlos an, dann streckte er ihr die Hand hin und sie legte ihm die Murmel auf die Handfläche, während sie die Flasche vor ihn hinschob.

Er versuchte, die Murmel von der Handfläche in den Flaschenhals rollen zu lassen, wieder und wieder und wieder, allerdings vollkommen ohne Erfolg, bis sie ihm beides wieder wegnahm.

„Okay. Es ist okay.“ Sie lächelte ihn an, denn er sah wirklich verzweifelt aus. „Es ist okay, Ethan.“ Dann blätterte sie in ihrer Akte. „Ethan, meinen Notizen zufolge sind Sie mit einer Menge Geld entkommen. Sie hatten den Sicherheitsleuten erzählt, Sie wären ‚Stuff-Sergeant’, und Sie haben den Geldtransporter entführt. Sie sind damit durchgekommen!“ Jessica schüttelte den Kopf. „Denken Sie, dass Sie das jetzt tun könnten?“

Ihre grünen Katzenaugen hinter der Brille blickten ihm direkt in seine braunen Wolfsaugen, obwohl man das eigentlich überhaupt nicht tat - eines der ersten Dinge, die sie hier gelernt hatte, war, direkten Blickkontakt zu vermeiden. Gerade solch einen intensiven.

„Wann wurden Sie so verletzt?“, fragte sie jetzt weiter nach. „War es in Sunbury? Was ist passiert? War es ein Mithäftling? Ein Wärter?“

Er sah sie einen Augenblick lang an, dann fuhr er sich mit einer heftigen Bewegung in die kurzen Haare, die sie erschreckte. „Ich bin ... die Treppe ... run...runter...gegangen ... und ...“

„Okay, was passierte, als Sie die Treppe runtergegangen sind?“, fragte Jessica nach, als er nicht weitersprach.

„Jemand ... Ähm ...“ Er kniff die Augen fest zusammen und schüttelte kaum merklich den Kopf. „Bin ... gestürzt“, stieß er dann hervor.

„Sind Sie gestürzt, oder wurden Sie gestoßen?“ Jessicas Herz schlug bis zum Hals, denn laut den Übergabeprotokollen war Ethan Jones bei seiner Abreise in Sunbury vollkommen unverletzt gewesen.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf, wobei er die Augenbrauen zusammenzog - es gab ihm einen zornigen, gefährlichen Gesichtsausdruck. „Da waren drei ... und sie ... sie ... sie ... Ich kann nicht ... nicht ... erinnern ...“ Aber seine Augen waren weder zornig noch gefährlich, sie waren todunglücklich. Seine Nasenflügel blähten sich, und Jessica konnte Tränen in diesen beeindruckenden Wolfsaugen tanzen sehen.

„Ethan? Wir bekommen das hin.“ Sie legte ihm nun doch gegen jede Vernunft eine Hand auf den Unterarm, denn hinter der Scheibe machte ihr Lissy Zeichen - sie hatten keine Zeit mehr. „Ich sehe zu, was ich für Sie tun kann, ja? Es wird alles gut.“

„D...danke.“ Er blinzelte, versuchte, seine Emotionen wieder in den Griff zu bekommen, und Jessica nickte auch nur, während sie sich eine Notiz machte und dann aufstand.

An der Tür wartete ein Wärter auf Ethan. Jessica schenkte dem Mann ein Lächeln. „Bringen Sie ihn in seine Zelle“, bat sie ihn und sah noch einmal zu Ethan. „Ruhen Sie sich aus, ich sehe Sie mir morgen noch mal an, ja?“

 

„Ja.“ Ethan versuchte ein Lächeln, aber so ganz gelang es ihm nicht - er sah ziemlich erschöpft aus.