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"Fortunate Sun"

 
Provinz Gia La Kontum, Vietnam, 1967.
Die Vietnamesin Mai Ly und der amerikanische Soldat Jim Hawksley lernen sich während seiner Stationierung bei Ky La kennen.

Zarte Liebesbande entwickeln sich zwischen ihnen, aber es gibt zu vieles, das gegen sie spielt.
Eine lange Geschichte von Liebe, Ehre und Krieg beginnt.



Auszug aus dem 1. Kapitel

In den Ohren der jungen Soldaten klangen noch die patriotischen Reden ihrer Anwerber und Ausbilder nach, die von Ruhm und Heldentum gesprochen hatten. Aber nach dem unendlich langen Flug in der lauten, unbequemen Transportmaschine ließ das Hochgefühl bereits nach. Unter ihnen breitete sich schier endlos der grüne, feuchte Dschungel aus, in dem versteckt der Feind lauerte.
Man hatte ihnen weismachen wollen, dass es ein Spaziergang werden würde, harmlos sozusagen. Aber alleine der Blick aus der Luft auf dieses absolut unbekannte, feindliche Gebiet ließ daran starke Zweifel aufkommen. Unter ihnen lag ein todbringendes Niemandsland. Aber Soldaten waren ganze Männer, sie zeigten keine Angst. Dennoch wurde es merklich stiller in der Maschine und eine beinahe greifbare Spannung breitete sich aus.
Sergeant Jim Hawksley lehnte sich in seinem Sitz vor, um einen Blick aus dem Fenster auf die Stadt zu werfen, die gerade unter ihnen auftauchte. Das ‚Paris des Orients’! Saigon schimmerte im Sonnenlicht wie eine aufdringliche Leuchtreklame in Las Vegas und ließ das satte Grün des Dschungels für ihn noch paradiesischer erscheinen. Das war also seine neue Heimat. Viele, viele Meilen von der alten entfernt. Weit genug weg für einen Neuanfang, so hoffte er wenigstens.
Die vietnamesische Metropole pulsierte vor Leben, selbst von hier oben erkennbar. Hawksley grinste leicht, als sich die Maschine in eine sanfte Kurve legte, um auf Tan Son Nhut zu landen, dem großen amerikanischen Luftwaffenstützpunkt. Was hatte er schon alles über Saigon gehört! Es sollte hier Sex, Drogen und Alkohol im Überfluss geben für diejenigen, die aus dem Kampfgebiet kamen. Ein gutes Argument, um viele der Soldaten anzulocken. Aber Hawksley war aus einem anderen Grund hier. Sein Interesse an Frauen und schnellem Sex war vorerst gestillt. Zumindest für seine Dienstzeit in Vietnam.

Die feuchte Hitze des späten Apriltages trieb den Soldaten sofort der Schweiß aus allen Poren, kaum dass sie das Flugzeug verlassen hatten.
„Willkommen in der Hölle“, knurrte der junge Soldat neben Hawksley, aber der zuckte nur desinteressiert die Schultern - was kümmerte ihn schon das Klima?
Nachdem das Frischfleisch registriert und in Gruppen eingeteilt worden war, brachte man sie in einem Konvoi von Transportern in eine Barackensiedlung, die für diese Nacht ihre Unterkunft war. Bereits am nächsten Morgen ging es weiter, raus zu den einzelnen Stützpunkten. Die Delta-Kompanie, der Hawksley seit Beginn seiner Dienstzeit angehörte, lag in Da Nang. Er selbst war dem zweiten Zug bei Kontum zugeteilt und übernahm dort eine eigene Gruppe, um vom Camp aus die umliegende Gegend zu sichern.
Er hatte sich vor eineinhalb Jahren freiwillig zu den Marines gemeldet, nachdem die Sache mit Lizzy so furchtbar in die Hose gegangen war. Die Truppe hatte ihn mit Haut und Haaren vereinnahmt, hatte ihn ausgebildet und nach Vietnam geschickt, wo er jetzt eine zwölfmonatige Dienstzeit absolvierte. Damit hatte er einen großen Vorteil gegenüber den Wehrpflichtigen, die mit einer minimalen Grundausbildung eigentlich nur als Kanonenfutter taugten.
Noch war sich Hawksley dessen nicht bewusst, aber sein Status als Sergeant brachte vor allem eines mit sich: Verantwortung für das Leben seiner Gruppe, seiner Männer. Das hier war kein Spiel mehr, keine Übung, sondern der bittere Ernst des Krieges.
Die Stimmung unter den Soldaten war merkwürdig ruhig, alle Aufregung, die sich unter ihnen kurz vor der Landung breitgemacht hatte, war verschwunden. Aber die Ruhe war trügerisch, das wusste Hawksley. Nur zu genau konnte er seine eigene, tief liegende Unruhe spüren, die er aber geschickt verbarg. Ein Marine zeigte keine Gefühle und sicherlich keine Angst. Der Krieg, Nam, das alles war so surreal gewesen, weit weg, gar nicht wahrhaftig. Aber jetzt, jetzt waren sie hier, hatten die ersten Vietnamesen gesehen. Und er fragte sich zum tausendsten Mal, wie er sie unterscheiden sollte. Wie sollte er sehen, welche dem Vietcong angehörten, und welche nicht?

***

Viele GI hatten in ihren ersten Wochen Glück und erwischten einen ruhigen Abschnitt der nicht vorhandenen Front. Hawksley nicht.
Der Zug von Lieutenant Friggs war direkt an die kambodschanische Grenze geschickt worden, um Aufklärung zu betreiben. Nach Informationen der amerikanischen Abwehr sollten sich dort draußen feindliche Truppen zusammenziehen und Friggs` Zug sollte das bestätigen oder dementieren.
Also stiegen sie in eine Reihe wummernder Hubschrauber, bemalten sich die Gesichter und betäubten die Angst mit lässigen Sprüchen. Dann lag ihr Abschnitt unter ihnen, grün und satt und dicht und durch nichts vom Rest des Dschungels zu unterscheiden.
Friggs ließ seine Männer in einer langen Reihe antreten und sie tauchten in den Wald ein. Dieser schien ihnen denselben Hass entgegenzubringen wie die Vietnamesen.
Lautlos waren sie - beinahe jedenfalls - und bewegten sich wie Gespenster durch die Landschaft, in der kein Weg, kein Pfad, kein Abdruck sichtbar war.
Vor ihnen lag ein Hügel, dessen steile Flanke glitschig vor vermodertem Laub war. Sie kämpften sich nach oben, schweigend, Mann um Mann, apathisch.
Hawksley hörte sein eigenes Blut in den Ohren rauschen, schmeckte Kupfer auf der Zunge und konnte ein Rasseln spüren, wenn er atmete. Er hatte sich noch nicht akklimatisiert, sein Körper protestierte, diesen Hügel erklimmen zu müssen.
„Hughs, Sie gehen nach rechts, Warren ...“ Die Stimme von Lieutenant Friggs wurde von einer ohrenbetäubenden Explosion übertönt. Der Ersten folgte eine Zweite, eine Dritte, eine Vierte. Hawksley hörte auf zu zählen.
Er wusste, dass er seinen Männern etwas zuschrie, aber er konnte seine eigene Stimme nicht hören, während um ihn herum Dantes Inferno zu toben schien. Teile flogen - Körperteile, Holzteile, Granatsplitter - und Hawksley ließ sich fallen, in Deckung. Es roch penetrant nach Schießpulver, Blut, Exkrementen und verbranntem Fleisch. Hawksley spürte, wie er würgen musste.
Dann war alles vorbei. Einen Moment herrschte eine gespenstische Stille, ehe das Stöhnen, Schreien und Jammern einsetzte.
Hawksleys Hörvermögen kehrte langsam zurück, begleitet von einem ekelhaften Klingeln. Er richtete sich auf. Sein erster Blick galt seinen Männern, die unterhalb seiner eigenen Position auf der Flanke des Hügels lagen - sie schienen unverletzt.
„Bewegt euch nicht vom Fleck“, ordnete er an, aber seine Stimme war nur ein heiseres Krächzen. Er schob sich vorsichtig die Flanke des Hügels höher, wich Trümmern zersplitterter Bäume aus oder stieg über sie hinweg, bis er das Zentrum des Angriffs erreicht hatte. Hier sah er außer Holztrümmern auch Leichen und Leichenteile und Hawksley würgte erneut trocken, ehe er seinen Magen unter Kontrolle hatte.
„Delta-Kompanie, zweiter Zug.“ Die Stimme des Mannes kam aus einem leblosen, rauchenden Haufen und Hawksley brauchte einen Moment, ehe er einen GI sah, der neben der zerfetzten Leiche des jungen Funkers hockte. „Die Vietcong haben Tellerminen in die Bäume gehängt“, gab er weiter durch. „Schätze, die Hälfte des Zuges hat`s erwischt, inklusive Lieutenant Friggs, Sergeant Hughs und Sergeant Warren.“
Hawksley konnte sich dumpf erinnern, dass der Lieutenant mit den beiden gesprochen hatte, ehe sich die Hölle aufgetan hatte. Der Mann neben dem toten Funker kam ihm vage bekannt vor, ehe sich der Schleier aus Bestürzung und Ekel langsam hob: Es war Sergeant Allen, der vierte Sergeant dieses Zuges.
Aus dem Funkgerät kam eine knackende, rauschende Antwort, die Hawksley nicht verstand, aber Allen schien zufrieden und richtete sich auf.
„Hey, Hawksley, du lebst ja noch!“ Allens Augen blitzten erfreut und er wischte fahrig Blut vom Gesicht, das aus einer Schnittwunde an der Wange lief.
„Was ist hier passiert?“ Hawksley fand endlich seine Stimme wieder und langsam kehrte auch Farbe in sein aschfahles Gesicht zurück. „Der Lieutenant ...“
„... ist über den Draht einer verdammten Mine gestolpert“, gab Allen zurück und Hawksley konnte endlich auch in dessen starrer Miene menschliche Regungen sehen. „Verdammt, die hätte niemand gesehen!“ Er rieb sich durch das schmale Gesicht. „Sammle die Jungs unten am Fuß des Hügels ein“, bat er Hawksley. „Die Hubschrauber sind unterwegs, ebenso die Pioniere, um hier Ordnung zu machen.“
Hawksley nickte und trottete langsam in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Sein Kopf schwirrte ihm, dennoch musste er ruhig und gefasst wirken, als er die Soldaten erreichte. „Sammelt euch am Fuß des Hügels“, wies er sie an und brachte es sogar fertig, kühl zu klingen.
Die erste Schicht des lebensnotwendigen Panzers begann, sich um Hawksleys Seele zu legen.


Auszug aus dem 2. Kapitel

Ky La lag in einer weiten, sattgrünen Ebene, inmitten von dunklen, graugrünen Bergen, die das Operationsgebiet der Marines waren.
Die ganze Ebene gehörte zu Ky La, aber das eigentliche Dorf bestand lediglich aus einer kleinen Anzahl Hütten aus Holz, Bast und Lehm, die sich an schmale Trampelpfade reihten. Nach letzten Schätzungen lebten etwa einhundertfünfzig Vietnamesen im Dorf, Vietcongaktivität war nicht bekannt.

Die sechzehnjährige Mai Ly arbeitete draußen auf dem Reisfeld ihrer Familie, als die Tiere in ihrer Nähe unruhig wurden. Sie konnte das Blöken des Wasserbüffels hören, der reicheren Nachbarn gehörte, und eine ganze Schar Vögel erhob sich aus den Baumkronen.
Dann konnte sie selbst das Geräusch wahrnehmen, das die Tiere verschreckt hatte: Ein tiefes, gleichmäßiges Wummern kam schnell näher, wurde lauter und bedrohlicher. Einen Moment sah sich Mai Ly suchend um, als bereits ein Sturm über sie hereinbrach. Die Rotorblätter landender Hubschrauber wirbelten das Wasser des Feldes auf, sodass sie die Welt nur noch wie durch einen Schleier sehen konnte.
Voller Angst starrte sie auf die Invasion, die unvermittelt hereinbrach. Amerikanische Soldaten entstiegen den Hubschraubern in ihren dunkelgrünen Kampfanzügen, die Helme auf dem Kopf, Sturmgewehre in der Hand. Sie wirkten so fremdartig und bedrohlich auf Mai Ly.
Sie wagte es nicht, sich zu rühren. Schließlich hatte sie schon von vielen gehört, die einfach erschossen worden waren, als sie versucht hatten, wegzulaufen. Also blieb sie wie angewurzelt im Wasser stehen und starrte die Männer an, die sich zu einer langen Reihe formierten und an ihr vorbeizogen. Keiner sah in ihre Richtung, bis auf einen wahren Riesen. Der blickte sie an, legte kurz den Kopf schief und blinzelte ihr zu, ein freundliches Lächeln lag auf den Lippen. Und trotz der atemberaubenden Körpergröße - bestimmt zwei Meter - sah er auf einmal gar nicht mehr bedrohlich aus, sondern sanft und nett. Trotzdem wagte sie es nicht, sein Lächeln zu erwidern, sondern schlug den Blick nieder.

***

Die Amerikaner hatten ein Camp unweit des Dorfes aufgebaut und unternahmen von dort regelmäßig Erkundungsmissionen in die Umgebung. Bald gehörte ihr Anblick zum Alltagsbild und Mai Ly verlor etwas ihrer Angst.
Immer wieder sah sie den freundlichen Soldaten vom ersten Tag. Mal schlug er - nur mit einer Tarnhose und Kampfstiefeln bekleidet - Pfähle ein, dann ging er auf Patrouille oder spielte mit seinen Kameraden ein ihr fremdes Ballspiel.
Eines Tages saß er am Straßenrand unter einem Baum unweit des Feldes, auf dem Mai Ly arbeiten wollte. Als sie an ihm vorüberging, den runden Strohhut auf dem Kopf, winkte er ihr zu und lächelte. Mai Ly versuchte ein schüchternes Lächeln, blickte dann aber schnell zu Boden, um ihn nicht etwa wütend zu stimmen, sollte sie sich ungebührlich verhalten haben.
Der Soldat schien ihr Lächeln als Einladung aufgefasst zu haben, denn als sie wieder hoch sah, stand er wenige Meter vor ihr, mitten auf der Straße. In der Hand hielt er einen Apfel, den er gerade aß, und Mai Ly konnte im Schatten unter dem Baum noch mehr Obst in seiner Tasche liegen sehen.
Xin châo, tên tôi là Jim“, Hallo, ich heiße Jim, sprach er sie in ruppigem Vietnamesisch an, aber Mai Ly war zu ängstlich, um zu antworten. Stattdessen presste sie ihren Korb fester an sich, in den sie das Unkraut vom Feld sammeln wollte.
Der Soldat lächelte weiter so freundlich, kam aber nicht näher. Stattdessen machte er eine einladende Handbewegung in Richtung des schattigen Baumes.
Con an com chua?“ Hast du schon gegessen, fragte er. Diese Frage war eine alte Begrüßungsfloskel aus der Zeit, da das Essen knapp gewesen war. Deshalb antwortete Mai Ly auch höflich: „Da on an can roi.“ Ich habe schon gegessen, danke.
Zu ihrem Erstaunen schien ihn diese Antwort zu betrüben, sie hatte seine Mahlzeit offenkundig zu hungrig gemustert. „Schade“, murmelte er leise, bemühte sich aber um ein Lächeln und lud sie erneut mit einer Handbewegung ein, sich einen Moment zu ihm zu setzen. Es widersprach allem, wozu man sie erzogen hatte, aber ihre Angst vor der eventuellen Reaktion des GI war größer als ihre Vorstellung von Schicklichkeit - unter Einheimischen hätte so ein Zusammensein schon als Brautwerbung gegolten.
Jetzt verstand auch Mai Ly, dass er offenbar eine wirkliche Frage gestellt hatte und sie nicht etwa nur höflich begrüßen wollte. Aus Angst, er könnte böse werden, sollte sie ablehnen, lächelte sie freundlich und nickte leicht; in Ordnung, sie würde sich zu ihm setzen.
Diese Antwort schien ihm besser zu gefallen, er strahlte übers ganze Gesicht und nahm Mai Ly damit ein Stück ihrer Angst. Zwar immer noch vorsichtig, aber weit von der ursprünglichen Panik entfernt, folgte sie ihm zum Baum und ließ sich in einem gehörigen Abstand zu ihm auf dem Boden nieder.
Der Soldat bot ihr von seinem verspäteten Frühstück an - frisches, einheimisches Obst - und Mai Ly nahm zaghaft eine Litschi, die sie vorsichtig aus der Schale löste. Er beobachtete sie fasziniert und Mai Ly kam der Gedanke, dass er dieses Obst gar nicht kannte. Übertrieben deutlich führte sie vor, wie die Frucht gegessen wurde.
Der Marine sah ihr genau zu und nahm sich ebenfalls eine Litschi. Nachdem er sie wie ein hart gekochtes Ei aufgeschlagen hatte, zog er die Schale ab, steckte die Frucht in den Mund und spuckte einen sauber abgelutschten Kern wieder aus.
„Gut!“ grinste er breit. „Guut?“ wiederholte Mai Ly verwundert. Zur Erklärung leckte sich der Soldat die Lippen und rieb sich den Bauch.
Tên tôi là Jim“, wiederholte er die Vorstellung von vorhin und legte eine Hand unterstreichend auf die Brust. Jetzt war es Mai Ly beinahe peinlich, vorhin nicht reagiert zu haben.
„Mai Ly“, erwiderte sie die Vorstellung deshalb schnell und verbeugte sich leicht, soweit es ihr mit unterschlagenen Beinen möglich war.
Der Soldat wiederholte leise ihren Namen. „Mai Ly.“ Wie seltsam es aus seinem Mund klang!
Zum ersten Mal, seit sie ihn getroffen hatte, wagte es Mai Ly, ihn genau zu betrachten. Seine Körpergröße wirkte immer noch erstaunlich auf sie, aber mittlerweile hatte sie festgestellt, dass alle Amerikaner wesentlich größer als Vietnamesen waren. Außerdem ließ er in ihrer Nähe die Schultern hängen und stand nie ganz aufrecht, um gedrungener zu wirken.
Seine braunen Augen blitzten sie verschmitzt an und sein gutmütiges Gesicht schien ständig von einem sanften Lächeln beherrscht zu sein. Seine Nase war etwas zu lang, um schön zu wirken (für vietnamesische Begriffe), sein Mund war schmal, sein Kinn kantig. Die dunklen Haare trug er ganz kurz geschnitten, über dem rechten Ohr war eine Kerbe einrasiert, die Mai Ly verwirrte, bis er eine Zigarette hinters Ohr klemmte: Sie lag genau in dieser Kerbe!
Mai Ly lachte vergnügt auf und klatschte in die Hände, während Jim grinsend Tee aus einer Feldflasche in einen metallenen Becher goss. Er bot ihr an, aber Mai Ly wies beinahe entsetzt zurück: Wie konnte sie auf diese Art von einem Mann Tee annehmen! Jim schien das nicht zu verstehen, er sah einen Augenblick lang verletzt aus, lächelte aber schnell wieder. Schließlich verstand er nichts von dieser Kultur, sprach ihre Sprache nicht bis auf ein paar Floskeln ...
Dennoch fühlte sich Mai Ly in seiner Gesellschaft wohl. Sie war einem Amerikaner noch nie so nahe gewesen und musste feststellen, dass eine Menge der Geschichten, die man über diese Männer erzählte, einfach nicht stimmten. Er war nicht mörderisch, brutal, keine Bestie. Ganz im Gegenteil, seine Nähe belästigte sie weit weniger als die von manch vietnamesischem Mann.
Nachdem sie ihr Obst gegessen und nach der dritten Aufforderung auch den Tee getrunken hatte, machte sie Anstalten, sich zu erheben - schließlich musste sie ihre Feldarbeit verrichten. Aber ehe sie umständlich ihre Kleider ordnen konnte, bevor sie aufstand, war Jim bereits aufgesprungen und reichte ihr die Hand. Mai Ly betrachtete sie einen Moment unschlüssig, dann ließ sie sich von ihm aufhelfen und war erstaunt über die Kraft, mit der er sie ohne weiteres emporzog.
Galant bückte er sich noch nach ihrem Korb und verbeugte sich leicht, als er ihn ihr übergab. „Ich danke für die nette Gesellschaft!“
Obwohl Mai Ly die Worte nicht verstand, begriff sie doch den Sinn und erwiderte die Verbeugung, ehe sie ihres Weges ging.
Als sie sich nach ein paar Schritten noch einmal zu ihm umdrehte, stand der amerikanische Soldat an den Baum gelehnt, die Zigarette im Mundwinkel, und sah ihr nach.

Auszug aus dem 5. Kapitel

Die Schusswunde in Hawksleys Schulter brannte wie Feuer. Sein Mund war ausgetrocknet, und als er versuchte, die Augen aufzuschlagen, ließ sich nur das linke öffnen. Er wollte nach dem rechten greifen, aber seine Hände waren über seinem Kopf gefesselt.
Hawksley stöhnte und versuchte, den Kopf klar zubekommen. Was war hier los, verdammt noch mal? Wo war er? Erst langsam kam die Erinnerung wieder und traf ihn wie ein Schlag.
Sie hatten sich auf einer Aufklärungsmission befunden, irgendwo im bewaldeten Hinterland, wo es außer winzigen Bauerndörfern und Reisfeldern nichts zu geben schien. Aber das war ein Trugschluss gewesen.
Auf dem Weg durch ein solches Reisfeld hatten Geschosse begonnen, um sie herum in den Schlamm einzuschlagen, sie gezielt unter Beschuss zu nehmen. Die ersten Männer, die nicht mehr rechtzeitig in Deckung gekommen waren, waren getroffen worden. Hawksley hatte ihre Gesichter sehen können, hatte sehen können, wie sie starben, in einem gottverdammten Reisfeld starben.
In seiner Schulter hatte eine Kugel gesteckte, das warme Blut war ihm über den Arm gelaufen, aber Hawksley hatte das alles gar nicht zur Kenntnis genommen. In seinem Kopf waren die Gedanken gerast, hatten verzweifelt nach einem Ausweg gesucht. Sie waren in einen verdammten Hinterhalt geraten!
Wie durch Watte hatte er seinen Funker um Unterstützung bitten hören, aber er hatte genau gewusst, dass sie nicht rechtzeitig kommen würden.
Eine Salve nach der anderen war neben ihnen niedergekracht und geprasselt, kam immer näher. Sie hatten nicht mehr viel Zeit! Ein Ausweg, ein verdammter Ausweg ...
Ein plötzlicher, in seiner Schädelbasis explodierender Schmerz hatte die Welt um ihn herum grell erscheinen lassen, ehe es dunkel geworden war.
Nun, er war noch am Leben. Irgendwo in einer roh in den Fels gehauenen Nische, die Hände über ihm angebunden.
Sein Blick klärte sich langsam, und als er vorsichtig den Kopf hob, konnte Hawksley den Haken sehen, an dem seine gefesselten Handgelenke aufgehängt waren. Ein klein bisschen zu hoch für ihn, er wurde ständig gestreckt. Die Muskeln seiner Schultern und Arme schmerzten bereits bei jeder kleinen Bewegung. Hawksley schloss daraus, dass er schon eine ganze Weile hier sein musste.
Das einzige Licht in seinem Gefängnis war eine blakende Fackel, die aber nur einen tanzenden Schatten auf die Wand vor ihm warf. Er konnte rein gar nichts von seiner näheren Umgebung sehen.
Hawksley fror, man hatte ihm sein Hemd und die Stiefel ausgezogen und seine Hose war nach dem Bad im Reisfeld am Körper getrocknet. Aber das alles war gar nicht so schlimm. Je mehr sich seine Sicht und sein Verstand klärten, desto mehr wurde er sich bewusst, dass ihm Unangenehmes bevorstand. Sie hatten ihn mit Sicherheit nicht am Leben gelassen, um mit ihm Tee zu trinken.
Oh Gott, was hatte er schon alles über die Verhörmethoden des Vietcong gehört! Aber er würde sich bemühen, ihnen die Sache möglichst schwierig zu machen. Eine kleine Foltershow? Kein Problem, Sir! U.S. Marines geben niemals auf. Eine schöne Vorstellung, aber Hawksley spürte ein bitteres Lachen im Hals. Er war kein Held, er machte nur seinen Job. Und er hatte wirklich keine Lust auf Schmerzen. Schmerzen der ganz besonderen Art, wie er sie sich wahrscheinlich nicht einmal vorstellen konnte. Aber er war ein Marine, verdammt noch mal!
Er schloss er die Augen und wartete ab.